Travel Notes #16: Tirana und Gjirokaster – wenn die Gesundheit andere Pläne hat als du

Dieses Mal dient Shkoder nur als Umsteigepunkt. Mit einem Fernbus fahren wir die etwa 100 Kilometer in Albaniens Hauptstadt Tirana. Nach der ganzen Ruhe und Gelassenheit der letzten Tage müssen wir uns erst einmal wieder an den Trubel, den Verkehr und die vielen Menschen gewöhnen.

Die Fahrt führt uns entlang des Balkangebirges und durch ein paar kleinere Städte. In Tirana angekommen, hält der Bus an einer vielbefahrenen Straße und fordert alle Fahrgäste auf auszusteigen. Nach einer Haltestelle oder einem Busbahnhof sieht es hier absolut nicht aus.

Manche Busse haben die besten Zeiten wohl schon hinter sich.

Nach ein paar Metern zu Fuß hält neben uns ein Linienbus, der angeblich ins Zentrum fährt. Für 40 Lek (ca. 34 Cent) pro Person kommen wir unserem Ziel schon mal eine ganze Ecke näher. Ich zeige dem Ticketverkäufer auf meinem Smartphone, wo wir hin müssen und frage ob er weiß, ob wir mit dem Bus dort hinkommen. Leider kennt er die Straße nicht und zuckt nur mit den Achseln. Also verfolge ich die Route weiter auf dem Handy, um zu sehen, ob wir noch halbwegs auf dem richtigen Kurs sind. Als der Bus dann in eine Straße abbiegt und sich vom Ziel entfernt, steigen wir lieber aus. Es liegen noch etwa 2,5 Kilometer Fußweg vor uns. Es ist heiß und stickig und die Rucksäcke werden gefühlt immer schwerer.

Ein paar Spieler am Straßenrand.
Eine Händlerin verkauft gegrillten Mais an einer Straßenecke.

Wir kommen dem Ziel immer näher und die Gegend wird immer interessanter. Links und rechts befinden sich Marktstände und kleine Läden. Die ganze Straße sieht aus, wie ein riesiger Basar. Unser Apartment heißt „Stylish Studio in the Heart of Tirana“ und damit hat der Gastgeber keinesfalls übertrieben, denn wir sind hier wirklich im Herzen der Stadt. Nicht im Stadtzentrum, sondern im wirklichen Leben Tiranas. Der einzige Nachteil ist der üble Zigarettengestank im Studio. Wenn wir extra ein Nichtraucherapartment buchen, sollte es nicht so penetrant nach Rauch stinken.

Tirana entdecken: Wie mir die Gesundheit einen Strich durch die Rechnung macht

Nach der Ankunft am Vortag, brenne ich förmlich darauf, die pulsierende Stadt zu erkunden. Doch zum ersten Mal macht mir auf der Reise die Gesundheit einen dicken Strich durch die Rechnung. Eine schmerzhafte Darmentzündung zwingt mich in die Knie und wir sehen dadurch nur relativ wenig von der Stadt. Die nächsten Tage verbringe ich die meiste Zeit auf der Schlafcouch und erst einen Tag vor der Weiterreise geht es wieder einigermaßen bergauf mit mir.

Auf dem Markt trifft man fast nur Einheimische an.
Hier wird noch klassisch gewogen.

So kann ich zumindest noch einmal halbwegs beschwerdefrei über den riesigen Basar flanieren, der für mich sofort zu einem der Highlights Tiranas zählt. Wir schlendern durch die kleinen Nebenstraßen zum Skanderbeg-Platz, zur Et’hem-Bey-Moschee und wieder zurück zur Unterkunft. Uns fällt auf, dass sich in Tirana eine Menge tut. Überall sind viele Baustellen mit etlichen Hochhäusern und einige der typischen Sehenswürdigkeiten sind eingerüstet und werden renoviert.

Blick über einen Teil des Skanderbeg-Platzes.
Baustellen, wohin man auch sieht.

Auf dem Rückweg machen wir noch einmal einen kurzen Abstecher zum Basar und kaufen uns für 35 Lek pro Stück, zwei phänomenale Böreks bei einer kleinen Bäckerei. Bis jetzt das beste Börek seit Tuzla (Bosnien und Herzegowina).

Weiterreise nach Gjirokaster

Bei Regen geht es weiter in den Süden des Landes. Zum ersten Mal starten wir morgens, ohne ganz genau zu wissen, wo wir eigentlich hin müssen. Die Angaben im Internet zum Busterminal sind alle ein bisschen vage. In der Vergangenheit gab es wohl zwei Terminals, die dann zusammengelegt wurden. Trotzdem werden in den Maps-Diensten auch noch die alten Terminals angezeigt und das verwirrt ein bisschen. Das Glück ist aber auf unserer Seite und wir finden das richtige Terminal, das gegenüber der Straße liegt, wo wir erst vor ein paar Tagen in Tirana ankamen.

Der Busbahnhof ist riesig und wir haben keinen Plan, wie wir unseren Bus finden sollen. „Gjirokaster? Gjirokaster?“ ruft jemand über den Hof, als würde man schon auf uns warten. Der Mann führt uns zu seinem Minibus, verstaut unser Gepäck und wir steigen ein. Der Typ verschwindet wieder auf den riesigen Hof, um noch ein paar Fahrgäste einzusammeln.

Die Fahrt wird zu einer der entspanntesten, die wir auf unserer Reise bisher erlebt haben. Die Sitze sind mega bequem, es ist leise, es stinkt nicht und wir haben genug Platz, um theoretisch die Beine hochzulegen. Die zweistündige Fahrt vergeht wie im Flug und ich hätte eigentlich einfach sitzen bleiben können, um noch ein paar Stunden durch das Land zu cruisen. An einer Tankstelle an der Landstraße ist dann aber Schluss. Wir haben Gjirokaster erreicht und müssen aussteigen.

Kaum haben wir die Tankstelle verlassen, buhlen ein paar Taxifahrer darum, uns fahren zu dürfen. Statt auf einen Bus zu warten, gehen wir zu Fuß. Die Stadt macht auf mich bisher keinen besonders schönen Eindruck. Scheinbar besteht die ganze Stadt aus mehr oder weniger schönen Wohnblöcken und ich frage mich, was wir hier eigentlich sollen. Den Ort hat Melina herausgesucht und scheinbar etwas gefunden, wofür sich die Reise lohnt.

Blick auf die nicht so schöne Stadt.

Es geht jetzt steil bergauf und zwar richtig. Wir müssen immer wieder kleine Pausen einlegen, um nicht an Erschöpfung zugrunde zu gehen. Dazu gesellt sich dann noch ein schöner Regenschauer, der es uns nicht gerade leichter macht, unser Ziel zu erreichen. Wir schaffen es aber doch noch und kommen in einem Haus bei einem sehr netten alten Mann unter. Er zeigt uns unser Zimmer und erklärt uns mit 2-3 Brocken Englisch, wo es zur Altstadt geht. Glücklicherweise sitzen wir in unserem Zimmer, denn jetzt geht hier die Welt unter. Anstatt also die Altstadt zu erkunden, verbringen wir unsere Zeit erst einmal damit, den Fußboden im Flur trocken zu wischen, auf dem durch eine undichte Stelle im Dach und dem extrem starken Regen eine große Pfütze entstanden ist.

Traditional Albanian Cuisine – Unser Reinfall mit Onlinebewertungen

In der Altstadt wollen wir traditionell albanisch Essen gehen. Melina hat online ein kleines Restaurant ausfindig gemacht, das bei einem Reiseratgeber ganz tolle Bewertungen hat. Scheinbar haben einige andere Touristen genau die gleiche Eingebung gehabt. Nach kurzer Zeit befindet sich das kleine Restaurant komplett in deutschsprachiger Hand. Für ein Pärchen aus Österreich wird noch schnell ein Klapptisch in den Gang gestellt und es kann losgehen.

Der Kellner ist leider mit den Bestellungen der Gäste überfordert und bringt einiges durcheinander. Die von uns bestellten Fleischbällchen landen auf dem Tisch der Österreicher, die Vegetarier sind. Bevor ich essen kann, muss ich erstmal das Besteck abwischen, denn irgendwie hängt da ein bisschen Schafskäse dran. Ich rede mir einfach ein, dass die in der Küche damit eben den Käse geschnitten haben und es deswegen daran klebt. Ob das so ist oder die nicht vernünftig abgewaschen haben, wir werden es nie erfahren.

Bei dem ganzen Durcheinander habe ich leider vergessen, weitere Fotos der Speisen zu machen.

Währenddessen probiert Melina die gefüllten Auberginen, aber die gehören eigentlich gar nicht zu uns. Naja, zum Zurückgeben ist es jetzt zu spät. Der Kellner meint aber, ist nicht so schlimm. Nach und nach kommt auch der Xaxiq (Zaziki), die gefüllten Paprika und die Reisbällchen (Qifqi), die eine traditionelle Speise der Region sind. Das österreichische Pärchen verlässt inzwischen das Restaurant und bekommt noch einen hausgebrannten Raki angeboten. Doch der Typ lässt sein Glas nach einem Schluck direkt zurückgehen mit der Begründung, dass das Getränk nach Seife schmeckt.

Das Essen ist insgesamt okay, aber auch nicht so, dass es uns vom Hocker reißt. Das erledigt dann die Rechnung. Denn die ausgewiesenen Preise weichen leicht von dem ab, was später vom Kellner verlangt wird. Statt der ausgerechneten ca. 1200 Lek sollen es plötzlich 2500 Lek sein. Die Auberginen hat er natürlich auch mit abgerechnet, obwohl es eigentlich sein Verschulden war. Eine Rechnung oder Ähnliches wird aber auch nicht ausgestellt. Wir geben kein Trinkgeld und laufen so auch nicht Gefahr, einen seifigen Raki angeboten zu bekommen. Enttäuscht verlassen wir das Lokal und verbuchen das Ganze als Reinfall.

Die Altstadt

Besonders am Abend lohnt sich ein Besuch der schönen Altstadt.
In albanischen Cafés trifft man fast immer nur Männer an.

Die Altstadt von Gjirokaster ist dafür sehr schön. Sie besteht aus ein paar kleinen Straßen mit Geschäften, Cafés und Restaurants sowie einigen Museen. Weiter oben über der Stadt befindet sich eine alte Festung, die für 400 Lek besichtigt werden kann. Hier sieht man, dass sich viel in Sachen Tourismus tut.

Eine T-33A, die 1957 in Albanien notlanden musste, steht heute auf der Burg von Gjirokaster.

Innerhalb der Festungsmauern wird viel restauriert und außen entsteht eine ganz neue Straße, um sie direkt von der Landstraße aus zu erreichen. Wenn das alles fertig ist, wird es der Tourismusbranche hier sicherlich nochmal einen ordentlichen Schub geben. 

Einer, von schätzungsweise knapp 200.000 Bunkern, die der Diktator Enver Hoxha im ganzen Land errichten ließ.
Hinter Gjirokastra, in einem Tal, liegt die Ali-Pascha-Brücke.

Am letzten Abend vor unserer Weiterreise erleben wir noch etwas ganz Besonderes. Im Garten unserer Unterkunft wird von einer alten Frau ganz traditionell über offenem Feuer gekocht. In einer über 100 Jahre alten speziellen Pfanne werden Reisbällchen, sogenannte Qifqi, gebraten.

Netterweise dürfen wir die Speise dann auch probieren und können nur sagen, dass die Bällchen geschmacklich einen Unterschied wie Tag und Nacht im Gegensatz zu denen aus dem Restaurant sind. Die ganzen Infos bekommen wir vom Sohn der Gastgeber, der einen Englischleistungskurs in der Schule besucht und so gutes Englisch spricht, dass es mich vor Neid erblassen lässt. Er erklärt uns außerdem noch, dass die Gastgeber-Familie zu dritt in nur 2 Zimmern des Hauses wohnt und die restlichen knapp 10 Zimmer vermietet oder anderweitig genutzt werden.

Wir sind erstaunt, wie reduziert Menschen leben, um andere Menschen nah an ihrem Leben teilhaben zu lassen und natürlich auch, um mit dem Geld der Touristen besser überleben zu können. Anschließend schenken uns die Gastgeber auch noch Khaki-Früchte, die im Garten an einem riesigen Baum wachsen. Wieder einmal sind wir überwältigt von der unendlichen Gastfreundschaft, die uns hier entgegengebracht wird und können gar nicht oft genug „Danke“ dafür sagen.

Veröffentlicht von Dennis Gloth

Street Fotograf und Reiseblogger aus Leidenschaft.

2 Kommentare zu „Travel Notes #16: Tirana und Gjirokaster – wenn die Gesundheit andere Pläne hat als du

  1. Man kann sich immer richtig gut hineinversetzen. Toll geschrieben und super Fotos! Freue mich schon auf den nächsten Beitrag.

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