Travel Notes #15: Theth – Unsere Reise steht auf der Kippe

Es ist kurz nach 6:00 Uhr morgens. Schon bevor der Wecker klingelt, sind wir wach. Noch ordentlich K.O. durch die kurze Nacht schlürfe ich in Schlappen durch die Küche bis ins Gemeinschaftsbad. Die Klobrille liegt neben der Schüssel und alles ist voll mit Erbrochenem. Glückwunsch, der Typ hat echt alles gegeben. Was für ein Morgen. Aber es kommt noch besser.

Um 7:00 holt uns ein Minibus ab, um uns in die Albanischen Alpen zu fahren. Doch eine Nachricht von Melinas Schwester trübt die Stimmung extrem. Für Nordalbanien gibt es eine aktuelle Unwetterwarnung, die es in sich hat. Sturm, extreme Regenfälle bis hin zu lebensgefährlichem Hochwasser, es ist alles dabei, um uns die Tour zu vermasseln. Die Frage ist, was machen wir jetzt? Riskieren wir die Fahrt auf den engen Serpentinenstraßen ins Gebirge, oder setzen wir 220€ in den Sand und bleiben hier bzw. überlegen uns eine Alternative?

Fahrt mit Hindernissen

Nach kurzer Überlegung kommen wir zu dem Entschluss, dass wir die Fahrt machen. Als wir dann sehen, dass vorne beim Fahrer noch eine Frau mit Baby sitzt, sind wir schonmal etwas erleichtert, weil wir uns einreden, dass der vermeintliche Vater sein Kind ja keiner Gefahr aussetzen würde. Wir sammeln noch 2-3 weitere Pärchen in Shkoder ein bis der Bus voll ist und verlassen die Stadt in Richtung Theth.

Eigentlich sieht das Wetter noch ganz gut aus. Es ist zwar relativ düster und bewölkt, aber zumindest regnet es nur ab und zu ein bisschen. Je weiter wir uns von Shkoder entfernen, desto schmaler werden die Straßen. Gekonnt lenkt der Fahrer den Mini Bus durch die vielen Kurven bis wir zu einer kleinen Brücke kommen, die völlig überflutet ist. Er überlegt kurz, ob wir versuchen, die Brücke zu passieren oder nicht. Von der anderen Seite kommen zwei Männer in einem Mercedes, die uns zu verstehen geben, dass hier definitiv kein Weiterkommen ist.

Kein Weiterkommen mehr auf der Route.

Wir drehen um und fahren ein paar Kilometer zurück bis zu einer Gabelung. Scheinbar gibt es noch einen anderen Weg ins Gebirge. Die Straße ist noch enger und noch kurviger als die vorherige. Ich bin froh, dass hier kein Gegenverkehr kommt. Außer ein paar Schweinen und Kühen, die unseren Weg kreuzen, scheint hier niemand zu sein. Wir erreichen die Serpentinenstraßen und damit wird auch das Wetter merklich schlechter. Immer wieder regnet es, die Sicht ist zum Teil stark eingeschränkt bis alles um uns herum komplett weiß vernebelt ist und man weder Straße noch Tal oder irgendetwas anderes sieht.

Nach etwa 2,5 Stunden Fahrt erreichen wir gesund, aber auch erleichtert, das Dorf in den Bergen. Die Unterkünfte liegen alle relativ nah bei einander, sodass wir unsere Bleibe relativ schnell erreichen. Das ist auch gut so, denn jetzt fängt es mordsmäßig an zu schütten. Unser Gastgeber Eddy, den wir gerade erst kennengelernt haben, schnappt sich einen Teil unseres Gepäcks und hilft uns, damit schnell ins Trockene zu gelangen. Er zeigt uns unser Zimmer, dass wir für die nächsten Stunden nicht mehr verlassen, da es schüttet wie aus Eimern.

Nachmittags nutzen wir eine regenfreie Zeit, um eine kleine Runde durch das Dorf zu drehen. Ich habe mir das Ganze irgendwie schöner vorgestellt. Gruppen von Tagestouristen sind trotz des schlechten Wetters unterwegs. Aus einer Bar dröhnt albanischer Hip Hop und überhaupt scheint mir der ganze Ort viel zu touristisch zu sein. Die Kirche von Theth, ein bekanntes Fotomotiv wird von Jugendlichen belagert, die sich für ihre Social-Media-Kanäle inszenieren. Ich habe die Hoffnung, dass es unter der Woche etwas ruhiger wird und ich sollte Recht behalten.

Wandern im Theth-Gebirge

Nach einem typisch albanischen Frühstück, das aus Schafskäse, Ei, Gurke, Tomate, Honig, Marmelade und Brot besteht machen wir uns auf zu einer ersten Wanderung. Von dem schlechten Wetter des Vortages und der Nacht ist genauso wenig zu sehen, wie von den zahlreichen Touristen und den Wannabe-Insta-Models, die gestern gefühlt jeden Winkel des Dorfes belagert haben.

Die Kirche von Theth ist das Wahrzeichen des Dorfes.

Das Theth Gebirge bietet mehrere Wanderwege zu verschiedenen Spots, wie z.B. dem „Blue Eye“ oder dem Grunas Wasserfall. Für den Anfang reicht uns aber ein kleiner Walk einfach durch das Tal. Wir sind hin und weg von der Landschaft und der Ruhe. Nur selten treffen wir ein paar andere Wanderer, die uns entgegenkommen oder uns überholen. Wir fragen uns manchmal, ob die so schnell sind, oder wir einfach zu langsam. Aber eigentlich ist uns das auch ziemlich egal, denn wir haben ja alle Zeit der Welt.

Der Grunas-Wasserfall ist von Theth in gut 30-40 Minuten zu Fuß erreichbar.

Mein erster Eindruck vom Dorf Theth hat sich inzwischen um 180 Grad gedreht. War ich anfangs noch schockiert, wie touristisch es am Dorfeingang ist, bin ich inzwischen regelrecht begeistert, wie ursprünglich es nur ein paar Gassen weiter im hinteren Teil Theths ist. Hier trifft man auf Einheimische, auf Bauern und Bäuerinnen und deren Vieh. Und allesamt sind einfach sehr freundlich. Abends ist es zudem noch mega leise. Außer ab und zu mal einen Hund, der bellt, hört man hier nichts. Bis dato haben wir nirgendwo so viel Ruhe erlebt und konnten so gut schlafen, wie hier.

Bauer…
…und Bäuerin.

Wanderung zum Blue Eye

Die längste Wanderung unseres Aufenthalts führt uns zum sogenannten Blue Eye. Man kann es sich einfach machen und mit einem Taxi von Theth aus dorthin fahren, oder man macht es so wie wir und läuft die knapp 9 Kilometer zu Fuß. Wir starten direkt nach dem Frühstück ins Gebirge.

Der erste Abschnitt geht immer mal wieder bergauf und bergab, im Prinzip aber nicht dramatisch. Nur der letzte Teil der Wanderung hat es dann nochmal in sich. Denn es geht nur noch steil bergauf. Einige Stellen bieten sich für Fotos an und so legen wir immer mal wieder kleinere Stopps ein, die wir auch als Trinkpausen nutzen.

Weit kann es nicht mehr sein.

An den Getränkehändlern, die sich irgendwo im Wald mit kleinen Ständen aufgebaut haben, merken wir schon, dass wir nicht mehr weit entfernt sein können. Wir erreichen endlich das Blue Eye und hangeln uns mit anderen Touristen über einen kleinen Steg, um auf die andere Seite zu gelangen, wo viele andere Menschen wie die Hühner auf der Stange aufgereiht sitzen und das Naturschauspiel beobachten.

Das Blue Eye von Theth.

So wirklich gemütlich und chillig ist der Platz nicht. Zum einen ist es durch das Wasser irgendwie kühl und zum anderen habe ich auch wenig Lust, mich irgendwo zwischen die anderen Besucher zu quetschen. Weiter oben befinden sich noch ein bis zwei Cafés von wo aus ich es schaffe, das Blue Eye so zu fotografieren, als wäre es ein verlassener Ort. Aber die Realität sieht anders aus. Spätestens, als eine ganze Reisegruppe das Blue Eye stürmt, ist es Zeit für uns, den Rückweg einzuschlagen.

Das Blue Eye aus der „Tour-Perspektive“.

Wir haben in Theth eine wundervolle Woche verbracht bei tollen Gastgebern in einer einfachen, aber schönen Unterkunft. Es ist Zeit sich von von Eddy und seinem Cousin zu verabschieden, bei denen wir uns richtig heimisch gefühlt haben.

Rückfahrt nach Shkoder

Nachdem wir unser Gepäck auf der Ladefläche verstaut haben, werden wir in einem Pickup Truck zurück nach Shkoder gefahren. Im Gegensatz zum schlechten Wetter auf der Hinfahrt scheint heute die Sonne. Dafür bereiten uns die riesigen Kipper ein bisschen Sorgen, die sich die schmalen Straßen in die Alpen schrauben und es kaum ein Vorbeikommen an ihnen gibt. Der alte Mann, der uns fährt hat aber alles im Griff und bringt uns sicher zurück an den Platz, wo uns vor einer Woche der Minibus eingesammelt hatte.

Mein Fazit zu Theth

Ich bin wahrlich kein Fan von Blogs, die dir diktieren wollen, „da musst du hin“. Sollte es dich aber mal in den Norden Albaniens verschlagen, kann ich dir einen Ausflug nach Theth absolut empfehlen. Bis jetzt ist Theth eines unserer absoluten Highlights dieser Reise und wird es wahrscheinlich auch noch lange bleiben.

Veröffentlicht von Dennis Gloth

Street Fotograf und Reiseblogger aus Leidenschaft.

2 Kommentare zu „Travel Notes #15: Theth – Unsere Reise steht auf der Kippe

  1. Lieber Dennis, wie immer sehr schön geschrieben. Viel Spaß noch und ich erwarte jetzt schon gespannt deinen nächsten Artikel.😉

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