Südafrika: Verlust, Entdeckungen und Begegnungen in Johannesburg

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10–14 Minuten

Nach zwei beeindruckenden Wochen in Namibia kehren wir zurück nach Südafrika. Dieses Mal nach Johannesburg. Selbstverständlich müssen wir wieder durch die Immigration. Die Schlange davor gleicht einer Menschenansammlung nach Abpfiff eines Fußballspiels in Dortmund. Nach knapp 2 Stunden Wartezeit hängt meine Geduld an einem seidenen Faden. Die dicke Überraschung kommt allerdings noch. Unser Gepäck ist verschwunden.

Nach dem Chaos an der Passkontrolle können wir endlich zur Gepäckausgabe. Dort, wo eigentlich unsere Koffer auf dem Gepäckband ihre Runden drehen sollten, herrscht nur noch gähnende Leere. Kurzum, die Koffer sind weg. Wir fragen Mitarbeiterinnen, die uns jedoch nicht wirklich weiterhelfen können. Nach mehrfachem Auf und Ab durch den Flughafen finden wir unser Gepäck nach rund 40 Minuten einsam und verlassen in irgendeiner Ecke. Auf der einen Seite sind wir angefressen, auf der anderen Seite sind wir erleichtert, dass wir unsere Habseligkeiten wieder haben und dass nichts verschwunden ist. Gerädert und genervt müssen wir uns nun direkt auch noch einer unserer Lieblingsaufgaben nach Ankunft in einem neuen Ort widmen. Dem Transport zur Unterkunft. Das klappt dieses Mal mithilfe der BOLT-App erstaunlich reibungslos, sodass wir am späten Nachmittag in unserer Bleibe eintreffen. Hier wird unsere Laune gleich viel besser. Unser Gastgeber und seine Angestellten sind herzlich, gastfreundlich, gesprächig und gesellig. Ben stammt aus England und erzählt uns, dass er wegen eines Jobs ausgewandert und heute ein TV Produzent für einen großen internationalen Nachrichtensender ist. Wir fragen nicht näher nach, haben aber sofort das Gefühl, dass er hier zu den sehr wohlhabenden, aber total großzügigen und bodenständigen Menschen gehört. Später erfahren wir, dass er Wirtschaftsberater von Nelson Mandela war. Krass. 

Wir genießen den Aufenthalt in seinem großen Appartment, bekommen täglich Besuch von den zwei süßen Hunden und können im Garten sogar grillen oder den Pool benutzen.

Hop on – Hop Off durch Johannesburg

Johannesburg, auch „Joburg“ genannt, ist die größte Stadt Südafrikas, hat eine multikulturelle Bevölkerung und wir haben es noch nirgends so deutlich wie hier erlebt, dass es eine so klare Trennung zwischen den verschiedenen Stadtteilen mit wohlhabenden Gegenden und ärmeren Vierteln gibt. Aufgrund der Sicherheitslage verzichten wir daher auf ungeplantes Herumschlendern und entscheiden uns für den Hop on-Hop off Bus, der uns durch viele Teile der Stadt führt. In manchen Stadtteilen, die wir passieren, sind wir sehr froh, im Bus zu sitzen und nicht zu Fuß unterwegs zu sein. Auf unserer Tour erfahren wir viel zur Geschichte und haben Glück, dass gerade die Jacaranda-Bäume in voller Pracht blühen. Da der natürliche Lebensraum der Bäume nicht in Afrika, sondern in Südamerika ist, hat man sich dazu entschlossen, sie nach dem Ableben nicht mehr nachzupflanzen.

Der Vorteil unserer Tour ist, dass wir den Bus jederzeit verlassen und zu einem späteren Zeitpunkt wieder in ihn einsteigen können. Diese Flexibilität ermöglicht es uns, noch etwas tiefer in die Geschichte Südafrikas einzutauchen und beispielsweise den Constitution Hill zu besuchen.

Constitution Hill

Ursprünglich wurde dieser als Militärfestung errichtet, diente später jedoch als Gefängnis. Besonders berüchtigt war das „Old Fort“, das während der Apartheid als Haftanstalt für politische Gefangene genutzt wurde, darunter auch prominente Persönlichkeiten wie Nelson Mandela und Mahatma Gandhi.

zwei große Visionäre: Mahatma Gandhi und Nelson Mandela.

Das „Number Four Prison“ war speziell für schwarze Männer gedacht, die unter den repressiven Gesetzen der Apartheid inhaftiert wurden. Die unterschiedlichen Behandlungen von weißen und schwarzen Menschen und die generell brutalen Bedingungen, denen politische Gefangene ausgesetzt waren, werden uns auch beim Besichtigen der Zellen deutlich und machen uns sprachlos. 

Wir treffen sogar noch eine ältere Dame, eine ehemalige Inhaftierte, die uns ein wenig aus der Apartheid und ihrer Zeit im Gefängnis berichtet. Es ist unglaublich bewegend und bedrückend und wir wissen überhaupt nicht, wie wir damit umgehen sollen.

Ziemlich aufgewühlt geht es für uns kurze Zeit später wieder in den Bus und weiter durch die Stadt. Nachdem wir nun vieles über die Geschichte des Landes und wichtige Orte der Stadt erfahren haben, möchten wir auch noch einen kleinen Einblick in die kreative und kulturelle Seite von Johannesburg bekommen. Dafür machen wir einen Stopp im Playground Market.

Playground Market: Kunst und Handwerk im Parkhaus

Der Playground Market ist ein beliebter Wochenmarkt, der für seine Kunstszene, Restaurants und einzigartigen Geschäfte berühmt ist. Unser Bus hält direkt vor dem Eingang zum Parkhaus, in welchem der Markt stattfindet. Wir zahlen eine kleine Eintrittsgebühr und erklimmen die Treppen. Während wir eben noch in einer sehr nachdenklichen, bedrückenden Gefühlswelt waren, werden wir hier direkt von fröhlicher Live Musik empfangen. Sofort herrscht eine entspannte Atmosphäre und wir finden es einfach cool, wie hier ein Parkhaus umfunktioniert wird.

Es gibt viele Stände mit tollen handgefertigten Kunstwerken und regionalen Produkten. Der Kreativität sind definitiv keine Grenzen gesetzt und es gibt so ziemlich alles von Schmuck und Kleidung bis hin zu Dekoration von lokalen Künstlern und Designern.

Die Leute hier haben alle gute Laune und irgendwie werden wir automatisch angesteckt und genießen das authentische Erlebnis. Bei der Vielzahl an Streetfood-Ständen fällt es uns schwer, uns für etwas zu entscheiden. Überall duftet es, neben südafrikanischen Klassikern wie Bunny Chow und Boerewors, gibt es aber auch internationale Gerichte wie asiatische Streetfood-Optionen, Pizza und Gourmet-Burger und auch Nachmittagssnacks. Wir gönnen uns leckeren, selbst gebackenen Kuchen und hausgemachte Limonade. Köstlich.

Anschließend schauen wir uns noch die Gassen von oben an. Auch hier sehen wir, dass im gesamten Stadtteil die Kunst und Kulturszene gut entwickelt ist. Streetart an den Wänden, Boutiquen, Restaurants und Galerien. Für uns herrscht hier ein ganz besonderer Flair und es ist toll, wie sich hier Einheimische und Touristen vermischen. Dies haben wir bislang nicht so oft in Südafrika erlebt. 

Damit endet für uns ein sehr aufwühlender und nachdenklicher Tag mit sehr vielen unterschiedlichen und neuen Eindrücken. 

Unser Besuch im Township

Während unserer Weltreise haben wir uns schon öfter gefragt, ob wir einmal ein Slum besuchen sollen oder nicht. In den letzten Jahren hat sich irgendwie eine Art Slumtourismus entwickelt und wir sind immer wieder hin und her gerissen, ob wir es vertreten können, so eine Tour zu machen. Nachdem wir uns wirklich viel mit der Geschichte Südafrikas befasst haben, entschließen wir, dass es hier einfach dazu gehört, auch die ärmsten Gegenden (Townships) zu besuchen, wenn man einen ehrlichen Einblick in das Land erhalten möchte. Wichtig ist uns dabei, dass wir es auf eine verantwortungsbewusste Art und Weise machen. Nichts wäre für uns schlimmer, als mit einer Gruppe Touristen und Kameras bewaffnet in die Slums zu ziehen und das Gefühl zu vermitteln, auf die dort lebenden Menschen herabzublicken. 

Nach etlichen Recherchen finden wir eine Gruppe von 3 Südafrikanern, die selbst in Soweto, einem der bekanntesten Townships Südafrikas, geboren sind, teilweise noch dort leben und nun Führungen für Touristen anbieten. Wir verabreden uns für den nächsten Tag zu einer privaten Tour. 

Soweto: Einblick in das Leben und die Kultur Eines Townships

Ein bisschen unsicher und auch aufgeregt, was uns erwartet, treffen wir Sipho am nächsten Morgen in einem Café in Soweto. Dieser Stadtteil wurde während der Apartheid von den südafrikanischen Behörden als Wohngebiet für schwarze Menschen geschaffen, die vom Rest der Stadt und den besseren städtischen Gebieten ausgeschlossen wurden. Hier haben zahlreiche Proteste stattgefunden. 

Unsere Tour beginnt am Hector Peterson Memorial, wo wir mehr über den Soweto-Aufstand von 1976 erfahren. Hier gingen tausende von Schülern auf die Straßen, um gegen die Einführung der Afrikaans-Sprache in den Schulen zu protestieren. Der Aufstand wurde von der Polizei brutal niedergeschlagen und gilt als Wendepunkt im Widerstand gegen die Apartheid. Als Sipho davon erzählt und uns gleichzeitig an genau diese Orte führt und uns aufgemalte Linien zeigt, wird uns ganz anders zumute. 

Während wir mit ihm durch die Straßen gehen, haben wir allerdings so gar nicht das Gefühl, dass wir uns in einer der ärmsten Gegenden Südafrikas befinden. Vieles ist hier mittlerweile touristisch ausgebaut und gekennzeichnet, wichtige Orte für den Tourismus sogar beschriftet.

Beispielsweise die Vilakazi Street, die einzige Straße der Welt, auf der zwei Nobelpreisträger geboren wurden: Nelson Mandela und Erzbischof Desmond Tutu. Hier besichtigen wir auch Nelson Mandelas Wohnhaus, in dem er lebte, bevor er für 27 Jahre inhaftiert wurde. Neben uns sind aber auch noch große Gruppen da, die eben genau diese Art von Touren machen, die wir vermeiden wollten.

Anschließend testen wir noch das Streetfood von Soweto – Kota. Ein gigantisches Sandwich mit Fleisch, Ei, Soßen und Pommes. Sehr lecker, aber auch sehr mächtig. Danach besuchen wir die örtliche Brauerei und testen verschiedene Biere.

Unser letzter Stopp sind die sogenannten Soweto Towers, zu denen wir mit einem lokalen Minibustaxi fahren. Die Türme gehörten ursprünglich zu einem Kohlekraftwerk, das für die Stromversorgung von Soweto verantwortlich war. Als das Kraftwerk stillgelegt wurde, verwandelte man die Türme in ein Freizeit- und Abenteuerzentrum. Heute kann man hier Bungee-Jumping und Co machen. 

Keine Frage, diese Gegend ist durchaus interessant und wir möchten die ganzen Informationen zur Geschichte und die freundlichen Begegnungen mit den Menschen nicht missen, doch wir haben es uns alles „krasser“ und viel untouristischer vorgestellt. Hier stehen „normale Häuser“, es gibt gut ausgebaute Straßen und Sipho erklärt uns, dass das Township selbst noch in 3 Klassen aufgeteilt ist und wir hier die Mittelklasse sehen. Wenn wir möchten, können wir noch eine extra Tour buchen, die uns einen Einblick in die unterste Schicht gibt. Wir willigen ein. 

Nkululeko holt uns an den Soweto Towers ab und fährt mit uns nach Kliptown, einem der ärmsten Stadtteile des Townships. Hier stellt er uns seine Organisation vor, die sich für ein besseres Leben, vor allem für die Kinder, hier einsetzt. Sie haben einen Platz geschaffen, an dem die Kinder einen sicheren Ort vorfinden, Mahlzeiten bekommen und der ihnen zumindest ein wenig Zugang zu Bildung ermöglicht. Hier wird uns schnell deutlich, dass es sich um einen ganz anderen Lebensstandard handelt. Wir stellen viele Fragen, beispielsweise, ob die Leute das hier überhaupt so toll finden, wenn wir durch ihre Gegend laufen, ob wir uns speziell verhalten müssen, ob wir als Gaffer angesehen werden, wie es sich mit dem Fotografieren verhält und viele mehr. Doch sie nehmen uns viele unserer Bedenken und stellen uns zwei Teenies vor, die uns mit in ihre Umgebung nehmen. Die zwei sind total nett und offen und wir unterhalten uns mit ihnen über ihre Träume, die Unterschiede in unseren Ländern und vieles mehr. Sie geben uns einen super Einblick, erklären und zeigen viel.

Die Menschen leben hier unter den härtesten Bedingungen. Es gibt keinen Strom und kein fließendes Wasser. Einige Leute führen Kabel von den elektrischen Pylonen zu ihren Häusern, um ihre Handys aufladen zu können, sofern sie welche besitzen. Die Wellbleche, von denen wir dachten, dass man sie irgendwo besorgt, müssen teuer von den Bewohnern gekauft werden. Bei einer hohen Arbeitslosenquote und Armut kann man sich gar nicht vorstellen, wie schwer es ist, nur ein einziges Wellblech zu beschaffen. Zwar behauptet die Regierung, dass jeder von ihnen eine solide Wohnung erhält, bis das so weit ist, wird es aber noch Jahrzehnte dauern. Jede Hütte ist dafür mit einer Nummer beschriftet, die der Reihenfolge nach in eine Wohnung umgesiedelt werden. Bis dahin müssen sich beispielsweise 8 Familien ein einziges Dixiklo teilen und dieses sogar mit einem Schloss verriegeln, da es auch hier viel Vandalismus gibt. Überall liegen Unmengen an Müll und viele der Bewohner sind alkoholisiert oder benebelt. Dennoch sind uns gegenüber alle hier total offen, freuen sich, wenn wir mit ihnen ins Gespräch kommen und wenn wir nach Fotos fragen. Daher sind wir leicht schockiert, als die Jungs uns erklären, dass es hier zu späterer Stunde anders aussieht. Denn die Kriminalität und das Gewaltpotential sind weiterhin sehr hoch. Die Bewohner selbst wissen, wann sie in ihre Hütten gehen sollten, denn abends ist die Zeit, an denen die Gangs die Straßen beherrschen. 

Zum Abschluss der kleinen Tour möchten die Jungs uns noch unbedingt das örtliche Bier zeigen. Da es den schwarzen Menschen damals verboten war, Alkohol zu kaufen und trinken, haben sie sich selbst etwas zusammengemischt. Also gehen wir mit ihnen in die Kneipe, sollen aber lieber zum Mitnehmen bestellen. Wir ordern einen Liter Bier zum Teilen, das macht man hier so. Durch das Loch im Tresen wird uns ein versifftes und verklebtes Tetrapack gereicht. 3% Alkoholgehalt hat das Bier und die Jungs freuen sich schon sichtlich drauf. Als wir die Pappe aufreißen und probieren, müssen wir fast kotzen. Das Gebräu schmeckt sauer und wie eine Art Mischung aus Milchshake und Erbrochenem. Die Jungs lachen sich kaputt und freuen sich noch mehr, dass sie das Getränk nun alleine austrinken dürfen. 

Gemeinsam kehren wir zurück zu Nkululeko. Als er uns fragt, ob wir noch ein bisschen im Kindergarten mithelfen wollen, stimmen wir sofort zu. 3 Stunden lang spielen wir unbeschwert mit den Kids. Die einfachsten Dinge und Späße bringen sie zum Lachen und ihre Augen zum Leuchten. Sie sind teilweise extrem anhänglich und so süß, dass wir sie alle am Liebsten einpacken würden. Als wir uns verabschieden, haben wir Pipi in den Augen und einen dicken Kloß im Hals. Es ist extrem schwer, sich vorzustellen, dass diese Kinder kaum eine Perspektive haben und nur kurz von ihren, zum Teil drogenabhängigen oder alkoholisierten Eltern beschützt werden können.

Von diesem ereignisreichen Tag nehmen wir vor allem mit, dass die Apartheid zwar politisch beendet ist, aber nach wie vor extrem große Unterschiede zwischen der weißen und der schwarzen Bevölkerung bestehen. Wir haben einen Einblick in eine andere Lebenswelt bekommen, in die reelle Armut, die wir sonst nur aus Nachrichten kennen. Wir sind offenen, herzlichen Menschen begegnet und konnten sehen, dass heute viele Projekte und Initiativen versuchen, die noch bestehenden Herausforderungen zu meistern. Arbeitsplätze zu schaffen, Bildung zu fördern und das Leben für die Menschen vor Ort zu verbessern. Es war ein bedrückender und nachdenklicher Tag. Wir sind unglaublich dankbar, dass wir Gäste in einer anderen Lebenswelt sein durften und unseren Horizont erweitern konnten. Doch jetzt sind wir fix und fertig und müssen das Erlebte erst einmal sacken lassen.


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