Unser nächstes Ziel: Durban, eine Küstenstadt in der südafrikanischen Provinz KwaZulu-Natal. Wer kommt hier freiwillig außerhalb der Badesaison her? Nun ja – wir. Andere Touristen? Fehlanzeige.
Der erste Stopp führt uns direkt zum Mietwagenverleih. Unser aktuelles Auto hat inzwischen ziemlich gelitten, die Windschutzscheibe reißt immer weiter – höchste Zeit für einen Ersatz. Die Autovermietung hat für uns vorgesorgt, aber als wir das neue Fahrzeug sehen, hält sich unsere Begeisterung in Grenzen. Wenig PS, wenig Power – und jede noch so kleine Steigung wird zur Geduldsprobe. Parken wir versehentlich zu tief am Straßenrand, bleibt uns nur eins: beten, dass wir es wieder auf die Hauptstraße schaffen.

Durban: „A dangerous Place“
Durban selbst begrüßt uns mit einem Kontrastprogramm: Während prächtige Kolonialbauten das Stadtbild zieren, stehen nur wenige Straßen weiter heruntergekommene Behausungen. Viele Menschen leben hier in Armut, einige schlafen direkt auf dem Gehweg. Plötzlich raunt uns eine Einheimische zu, dass es für Touristen hier „nicht sicher“ sei. Doch irgendwie lassen wir uns davon nicht aus der Ruhe bringen. Naiv? Vielleicht. Oder liegt es daran, dass unser Bauchgefühl und unsere Reiseerfahrung uns inzwischen anders mit solchen Situationen umgehen lassen?

Zum Glück bestätigt sich unser Instinkt. Als wir weiter durch die Straßen schlendern, begegnen uns viele freundliche und neugierige Menschen. So landen wir in einem Gespräch mit einem Pakistani, der hier einen kleinen Verkaufsstand betreibt. Mit leuchtenden Augen heißt er uns in Durban willkommen und plaudert mit uns über seine Heimat. Es sind Begegnungen wie diese, die unsere Reise so besonders machen.


An der berühmten Golden Mile, der Strandpromenade Durbans, beginnt dann das große Handaufhalten. Jogger, Surfer und Straßenkünstler prägen das Bild – darunter auch einige, die mit kunstvollen Sandskulpturen und einfallsreichen Botschaften versuchen, ein paar Rand zu verdienen. Doch je weiter wir uns vom Zentrum entfernen, desto deutlicher wird der Kontrast: Schicke Strandcafés weichen maroden Gebäuden, und die Bettler werden aufdringlicher. Hier spürt man Durbans zwei Gesichter besonders stark – Glanz trifft auf bittere Realität.


Als nächstes steht das indische Viertel auf unserem Plan. Unsere Erwartungen? Exotische Farben, intensiver Gewürzduft, Bollywood-Flair. Die Realität? Ein paar Curryläden und ein eher trostloses Straßenbild. Vielleicht hatten wir uns einfach zu viel erhofft.
Bevor es zurück zur Unterkunft geht, gibt es noch eine spontane Planänderung: Melina will sich die Haare schneiden lassen. Sie landet in einem winzigen Friseursalon – eher eine dunkle Kammer als ein Laden. Dann der Schockmoment: Statt einer Schere zieht der Friseur eine Rasierklinge hervor. Kein Scherz. Die Haare werden damit gezogen und geschnitten, während wir uns verwundert anschauen. Zehn Minuten später ist alles vorbei. Während Melina noch skeptisch in den Spiegel blickt, überschüttet der Friseur sie mit Komplimenten über ihre „wundervollen“ Haare. Kundenbindung mal anders.

Den Abend lassen wir mit einem kulinarischen Highlight ausklingen: Bunny Chow – ein ausgehöhltes Brot, gefüllt mit würzigem Curry, ein Erbe der indischen Gemeinschaft in Durban. Harmlos? Weit gefehlt. Die Schärfe trifft uns wie ein Vorschlaghammer. Melina verschlägt es buchstäblich die Sprache, ich kämpfe derweil ums Überleben. Trotz Tränen in den Augen und brennenden Zungen einigen wir uns: Das war definitiv ein würdiger Abschluss für unseren Tag in Durban.

Drakensberge – Auszeit im umgebauten Wohnwagen
Um eine weitere, völlig andere Seite Südafrikas kennenzulernen, zieht es uns in die Drakensberge. Doch statt uns sofort in Abenteuer zu stürzen, gönnen wir uns erst einmal eine Auszeit – und mieten ein sogenanntes Cardavel. Ein Wohnwagen, der in eine strohgedeckte Hütte integriert ist. Klingt ungewöhnlich? Ist es auch. Aber vor allem ist es ein kleines Paradies: kein TV, kein Internet, kein Lärm. Nur wir, die Natur und eine endlose Berglandschaft. Das Interieur versprüht den Charme längst vergangener Zeiten, als wäre die Zeit hier einfach stehen geblieben. Und als wäre das nicht schon gemütlich genug, gibt es einen offenen Kamin und einen atemberaubenden Panoramablick auf die Drakensberge.


Die nächsten Tage folgen einem einfachen Rhythmus: Holz sammeln, Bücher lesen, Pläne schmieden, Erinnerungen austauschen. Um dieses abgeschiedene Leben zu perfektionieren, beschließen wir, unser erstes Abendessen stilecht zu grillen. Wetter? Perfekt. Holz? Genug vorhanden. Also, was soll da schon schiefgehen? Nun ja – alles. Das Feuer will einfach nicht in Gang kommen, die Glut reicht nicht einmal aus, um eine Wurst zu wärmen, geschweige denn ein Hähnchen zu grillen. Nach zwei Stunden Frust und knurrenden Mägen geben wir auf und werfen alles in die Pfanne. Das Ergebnis? Naja. Vielleicht schmeckt es nach Enttäuschung, vielleicht war es einfach kein kulinarisches Highlight. Doch als die Sonne langsam hinter den Berggipfeln verschwindet, ist der missglückte Grillabend längst vergessen.


Mit jedem Tag spüren wir mehr, wie gut uns diese Ruhe tut. Kein Termindruck, keine Ablenkung – einfach Zeit zum Durchatmen. Als kleine Abwechslung besuchen wir eine winzige Käsefarm, die nur einmal pro Woche 20 Kilogramm Käse produziert – und diesen ausschließlich vor Ort verkauft. In einem Land, in dem Supermarktkäse meist nach Plastik schmeckt, ist das eine Offenbarung. Wir probieren uns durch die Sorten, würden am liebsten alles mitnehmen, müssen uns aber mangels Kühlmöglichkeit auf eine kleine Auswahl beschränken. Am Abend genießen wir den Käse am knisternden Kaminfeuer, dazu ein Krimi-Hörspiel und ein Glas Wein. Pure Gemütlichkeit.


Nach dieser Erholungspause zieht es uns in den Royal-Natal-Nationalpark im Norden der Drakensberge. Jetzt wird es endlich aktiv. Doch noch bevor wir den ersten Schritt setzen, gibt es die erste Überraschung: Der Eintritt kostet das Dreifache dessen, was online angegeben war. Und natürlich funktioniert das Kartenlesegerät nicht. Also kramen wir unser letztes Bargeld zusammen und los geht’s.
Wandern ins Amphitheater
Unsere erste Wanderung führt uns durch offenes Grasland – bei über 30 Grad am Morgen eine gnadenlose Herausforderung. Kein Schatten, keine Erleichterung. Nach anderthalb Stunden erreichen wir die Tiger Falls und legen eine kurze Pause ein. Der Rückweg führt vorbei an Wasserfällen und kleinen Kaskaden, in denen wir uns kurz abkühlen, bevor wir nach drei Stunden erschöpft, aber glücklich, am Parkplatz ankommen.



Ein paar Tage später reißt mich Melina um 7:30 Uhr aus dem Schlaf – fest entschlossen, die längste Wanderung des Parks anzugehen. Meine Nacht war miserabel, meine Motivation liegt bei null. Aber auf Reisen sind Kompromisse eben noch wichtiger als zu Hause, also quäle ich mich aus dem Bett.
Wenig überraschend erleben wir am Parkeingang ein Déjà-vu: Kartenlesegerät defekt. Diesmal sind wir vorbereitet. Und das muss wohl Schicksal sein, denn diese Wanderung wird uns alles abverlangen.
Schon nach einer Stunde und 36 Grad im Schatten (wenn es denn welchen gäbe) sind wir klatschnass. Der Schweiß rinnt in jede Ritze, und die brütende Hitze erinnert uns an Asien. Zwei Stunden später sind wir am Limit. Wochenlanges Autofahren hat unserer Kondition nicht gerade geholfen. Doch der Ehrgeiz treibt uns weiter – und schließlich erreichen wir unser Ziel: das Amphitheater, ein gewaltiges Bergplateau, Heimat der berühmten Tugela Falls.

Wir lassen uns ins Gras fallen, vernichten unser Proviant und kühlen unsere Füße im eiskalten Flussbett. Der Moment ist perfekt.


Der Rückweg zieht sich wie Kaugummi, aber als die Sonne langsam an Kraft verliert, wird es erträglicher. Zurück am Auto wartet der Parkwächter auf uns – mit der Hoffnung auf ein paar Rand Trinkgeld und eine Mitfahrgelegenheit ins nahegelegene Dorf. Wir nehmen ihn mit und nutzen die Gelegenheit für ein Gespräch über sein Leben. Es ist einer dieser raren Momente, in denen wir das Gefühl haben, wirklich mit den Menschen in Kontakt zu kommen.

Als wir endlich wieder in unserer Unterkunft ankommen, sinken wir völlig erschöpft aufs Bett. Mein Körper fühlt sich an, als wäre er gegen eine Wand gelaufen. Aber eines steht fest: Jede einzelne Anstrengung hat sich gelohnt.
Johannesburg und unser Fazit
Unser letzter Stopp in Südafrika führt uns noch einmal nach Johannesburg, unweit des Flughafens. Nicht, weil die Stadt uns besonders reizt – sondern aus einem weitaus pragmatischeren Grund: Behördenkram. Zwischen endlosen Formularen und Telefon-Warteschleifen kämpfen wir uns durch den Bürokratie-Dschungel. Das Arbeitsamt? So flexibel wie ein eingefrorener Gartenschlauch. Es fühlt sich an, als wollten wir mit einem Gummilöffel einen Felsen bearbeiten. Dabei hatten wir uns doch eigentlich vorgenommen, uns von nichts mehr stressen zu lassen. Hat auch gut geklappt – bis jetzt.

Doch trotz der Organisationshürden macht sich ein anderes Gefühl breit: Melancholie. Die Reise neigt sich dem Ende zu, und obwohl wir uns auf Familie und Freunde freuen, fällt uns der Abschied schwer. Südafrika hat uns in seinen Bann gezogen. Viel grüner als erwartet, viel abwechslungsreicher, als wir dachten, und mit einer faszinierenden Energie, die schwer zu greifen ist.
Doch Südafrika ist nicht nur schön. Es ist ein Land der Kontraste – voller atemberaubender Natur und gleichzeitig tief verwurzelter Herausforderungen. Müllberge, instabile Strom- und Wasserversorgung, Armut, Kriminalität – all das ist hier allgegenwärtig. Doch mit guter Vorbereitung, etwas Vorsicht und einem offenen Blick auf die Realität haben wir uns nie unsicher gefühlt. Mediale Horrorgeschichten haben wir bewusst ausgeblendet – und siehe da: Kein einziges Mal ist uns etwas passiert. Toi, toi, toi.
Besonders eindrücklich war für uns das Erbe der Apartheid. Offiziell Geschichte, doch in der Realität noch immer spürbar. Weiße leben in wohlhabenden Vierteln, Schwarze meist in einfacheren Siedlungen. Unsichtbare, aber klare Grenzen ziehen sich durch das Land. In vielen Gästehäusern wurden wir mit einer Selbstverständlichkeit bedient, die uns unangenehm war – als würde man gegen eine alte, unausgesprochene Hierarchie ankämpfen, die sich nicht so leicht auflösen lässt.
Wir haben viel gelernt, viel beobachtet – und oft versucht, nicht als typische „weiße Touristen“ abgestempelt zu werden. Doch genau das ist eine Herausforderung – für beide Seiten. Die Geschichte dieses Landes ist noch lange nicht verdaut.
Und trotzdem – oder gerade deshalb – hoffen wir, dass Südafrika seinen Weg findet. Dass Wohlstand gerechter verteilt wird, dass Korruption bekämpft wird. Denn trotz aller Probleme ist dieses Land einzigartig, beeindruckend und absolut eine Reise wert. Wer mit offenen Augen, gesundem Menschenverstand und einer guten Vorbereitung kommt, wird all seine Facetten genießen können.

Und jetzt? Zurück nach Deutschland. Aber nicht zurück in den Alltag. Mit einem Koffer voller Erinnerungen, einer Festplatte voller Fotos – und vielleicht doch ein bisschen mehr Gelassenheit im Gepäck. Aber auf jeden Fall: bereit für neue Abenteuer.


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