Marokko: Wüstentour zwischen Programm und Realität

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6–8 Minuten

Wir haben noch ein paar Tage in Fès und nach dem gelungenen letzten Gruppenausflug sind wir euphorisch genug, beim gleichen Veranstalter die nächste Tour zu buchen. Wenn es einmal gut lief, warum nicht gleich wieder?

Natürlich gehen wir schon mit einer gewissen Erwartung ran: Dass es diesmal weniger authentisch, dafür umso touristischer wird. Normalerweise entdecken wir ein Land lieber auf eigene Faust, ohne Gruppenprogramm, ohne Verkaufsstopps. Aber eine Wüstentour gehört für uns irgendwie dazu, wenn wir schon so nah dran sind. Und wenn schon, dann nehmen wir das volle Paket.

Dass die Reise allerdings kein Vergleich zur ersten werden würde, merken wir ziemlich schnell.

Tag 1: Willkommen im Chaos

Überpünktlich wie es sich für einen Deutschen gehört, stehen wir 20 Minuten vor dem Hotel und warten brav auf die Abholung.

Nach etwa 10 Minuten spricht uns ein Mann an. Ob er nun der Fahrer ist oder nur zufällig vorbeikommt – keine Ahnung. Er nuschelt, ist aufdringlich und riecht nach Alkohol. Die Sprachbarriere macht es nicht einfacher. Minutenlanges Gestikulieren, wir verstehen nur Bruchstücke. Schließlich dämmert uns: Er ist gar nicht derjenige, der uns abholen soll, rückt uns aber nicht mehr von der Pelle.

Also rufen wir den Veranstalter an. Der reagiert natürlich nicht. Dann die Nachricht: „Wir haben Sie nicht gefunden.“ Klar. Nach Telefonaten und Beweisfotos taucht doch jemand auf – und will erst einmal Trinkgeld.

Man bringt uns 200 Meter weiter in ein Café. „Du musst frühstücken.“ – „Nein, danke.“ – „Dann sofort aufstehen, der Bus wartet!“ Schon hier bekommen wir das Gefühl, wie Vieh auf dem Weg zum Markt behandelt zu werden.

Versprochen waren 5–6 Stopps. Bekommen haben wir zwei: 15 Minuten Toilettenpause in Ifrane, 5 Minuten Affen gucken. Kaum quietscht die Bustür einen Spalt auf, preschen schon die ersten Männer heran, bewaffnet mit Plastiktüten voller Nüsse für die Affen.

Am besten lehnt man direkt freundlich ab, bevor man überhaupt weiß, was passiert. Wie schnell das sonst eskalieren kann, sehen wir bei einer Familie, deren Kinder noch nicht wissen, was Nepp bedeutet. Der Vater jedenfalls lernt es auf die schmerzhafte Art: Für eine Handvoll Nüsse soll er rund 5 Euro hinlegen.

An Touristenshops ist allerdings immer Zeit. Auf Nachfrage kommt die Ausrede: „Auf dem Rückweg fahren wir anders“. Stattdessen: 10 Stunden Fahrt mit Souvenirpausen.

Die nächste Überraschung erwartet uns in Merzouga. Denn auf uns wartet niemand. Der Veranstalter hat es scheinbar versäumt, uns ein Zimmer in dem Riad zu buchen. Nach mehreren Telefonaten zwischen dem Hoteleigentümer und dem Tourenveranstalter, dürfen wir irgendwann einchecken. Immerhin ist die Unterkunft wirklich schön und wir haben sie quasi für uns allein. Eine riesige Dachterrasse, ein Zimmer mit Wüstenausblick und am nächsten Morgen frühstücken während eine Kamelkarawane vorbei zieht. Es könnte schlimmer sein.

Tag 2: Shops, Schweiß und schwindende Nerven

Geplante Abholung um 10:00 Uhr. Um 10:45 Uhr ist immer noch niemand da. Wir rufen den Veranstalter an – er drückt unsere Anrufe einfach weg. Stattdessen kommt eine Nachricht: „Fahrer auf dem Weg.“ 20 Minuten später steht dann tatsächlich ein Taxi vor uns. Ohne Klimaanlage, dafür mit einem Fahrer, der kein Wort Englisch spricht. Er soll mit uns den kompletten Ausflug machen und uns anschließend direkt in die Wüste fahren.

Erster Stopp ist ein kleines Dorf, in dem uns direkt die typischen Klänge der Gnawa-Musik begrüßen. Bei einer Tasse Tee, lauschen wir den Klängen der Musiker. Sie spielen auf traditionellen Saiten- und Rhythmusinstrumenten, deren tiefe Töne und klappernde Beats typisch für den Gnawa sind. Für uns ein entspannter Moment, der uns einen kleinen Einblick in das Alltagsleben dort gibt. Die Bewohner nutzen den Besuch von Reisenden bewusst als Einnahmequelle und zeigen gleichzeitig stolz ihre Kultur.

Der weitere Ausflug entwickelt sich zu einem Verkaufstrip durch Rissani, von Hinterhof zu Hinterhof. Keine Sehenswürdigkeiten, keine Zeit zum Schauen – nur Shops, Shops, Shops.

Wir landen in einer „geheimen Medina“, zu der man – natürlich – nur mit speziellen Guides Zutritt bekommt. Mensch, was für ein Glück, dass zufällig gerade einer auftaucht, der der Bruder unseres Guides ist und der auch noch deutsch spricht! Wirklich Angst haben wir keine, aber wenn uns hier jemand verschleppt hätte, wäre das wohl auch niemandem aufgefallen. Nach ein paar dunklen Gassen und drei Ecken zu viel stehen wir plötzlich in einem riesigen Teppichladen.

Unser Guide lächelt, der Händler lächelt, wir lächeln höflich zurück – und wissen: Das hier wird dauern. Nach einer Tasse Tee und 30 Minuten Verkaufsgespräch kommen zum Glück ein paar Schweizer rein. Retter in Trekkinghosen. Gemeinsam schaffen wir den Abgang – ohne Teppich.

Kaum draußen, geht’s weiter: Schmuckladen, Apotheke, irgendwas mit Duftölen. Unsere Laune sinkt, wir wollen nichts kaufen und der Guide merkt’s – und verschwindet irgendwann einfach. Plötzlich stehen wir allein da. Aber immerhin: Wir finden zurück zum Auto. Ohne Souvenirs, aber mit einer weiteren Anekdote fürs Leben.

Und dann das nächste Kuriosum: Anstatt in die Wüste geht’s plötzlich zurück ins Hotel. Dort heißt es, wir sollen warten, bis um 14:30 Uhr ein neuer Fahrer kommt. Der kommt natürlich erst um 15:30 Uhr, spricht kaum Englisch und kutschiert uns in einem alten Handwerkerauto – selbstverständlich ohne Klimaanlage.

Wir haben uns auf dieser Reise schon oft in Geduld geübt und einiges mit uns machen lassen. Aber so langsam haben wir echt die Nase voll. Zumal dieser Trip uns einiges kostet – Geld, das wir sonst auf unserer langen Reise nie so locker ausgeben würden.

Erg Chebbi: Magische Momente trotz mieser Organisation

Doch am späten Nachmittag schaffen wir es endlich an den Rand der Erg Chebbi Wüste. Eine der bekanntesten Sandwüsten Marokkos, liegt vor uns wie ein goldener Teppich, der sich kilometerweit über die Landschaft zieht.

Wir möchten stilecht tiefer in die Wüste gelangen und das geht am Besten per Kamelritt. Unser Guide ist taubstumm – und doch kommunizieren wir erstaunlich gut. Ein netter Kerl, der uns wortlos durch die Dünen führt. Für einen Moment fühlt es sich an, als hätten wir die Abzocke des letzten Tages hinter uns gelassen. Doch kaum sitzen wir im Sand, packt auch er seinen Verkaufsstand aus: Schmuck, Nippes, Mitbringsel. Plötzlich hat das Ganze wieder den üblichen Beigeschmack. Schönes Erlebnis, aber am Ende doch wieder Geschäft. Wirklich schade.

Das Camp dagegen ist traumhaft. Wir saugen die Umgebung auf, gehen Sandboarden, genießen den Sonnenuntergang in der unendlichen Weite der Wüste. Unsere Mägen knurren vom Tag, das Abendessen lässt lange auf sich warten. Doch endlich, gegen 22 Uhr, sitzen wir mit Reisenden aus aller Welt an einem Tisch. Eine gemütliche Atmosphäre, Musik von Einheimischen, Tanz und Gesang – fast wie eine kleine Oase nach dem Chaos des Tages.

Es folgt eine kurze Nacht, schließlich wollen wir auch den Sonnenaufgang in der Wüste sehen. Ein schnelles Frühstück im Camp und schon beginnt wieder der Zeitdruck und das Warten. Wir stehen uns bereits 30 Minuten die Beine in den Bauch und schwitzen, weil man uns vergessen hat. „Ah, du willst ja nach Fès!“ – Ja, das hatten wir ungefähr zehnmal gesagt. Der Transporter wird zurückgerufen.

Natürlich wieder keine versprochenen Stopps, nur die gleichen zwei wie auf dem Hinweg. Andere Touristen in ihren Bussen halten tatsächlich an den Orten, die im Programm stehen – wir rauschen daran vorbei.

Wüste top, Tour flop

Die ganze Tour entpuppt sich als eine Mischung aus stundenlanger Warterei, improvisierten Fahrten ohne Klima und permanenten Verkaufsveranstaltungen. Informationen bekommt man kaum, dafür SMS von ständig wechselnden Telefonnummern.

Doch so sehr wir uns unterwegs auch geärgert haben – heute denken wir vor allem an die schönen Erfahrungen zurück. An das traumhafte Riad in Merzouga, in dem wir die einzigen Gäste waren. Mit herzlichem Personal, Blick in die Wüste direkt vom Bett aus und einem Frühstück, während draußen eine Kamelkarawane vorbeizog.

Und natürlich an das Camp mitten in der Wüste, mit all seinen Facetten: Sandboarding, Sonnenuntergang, die Musik am Lagerfeuer. Ein Erlebnis, das trotz aller Schattenseiten einmalig bleibt.

Im Nachhinein würden wir definitiv wieder in die Wüste fahren – aber dann auf eigene Faust. Denn mit dem richtigen Fahrzeug kommt man entgegen aller vorherigen Recherchen problemlos bis zum Startpunkt des Kamelritts. Ohne teuren Veranstalter, ohne ständige Verkaufsveranstaltungen. Dann wird das Ganze nicht nur schöner, sondern auch ehrlicher.


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