Am heutigen Tag haben wir die Gelegenheit, die Umgebung von Fes im Rahmen einer Gruppentour zu erkunden. Eigentlich sind diese geführten Touren nicht so unser Ding, aber da wir unbedingt nach Volubilis wollen und die Stadt mit öffentlichen Verkehrsmitteln nur relativ aufwendig erreicht werden kann, entscheiden wir uns für den bequemeren Weg, einen Tagesausflug. Unsere Gruppe besteht mit uns aus nur 8 Teilnehmern und wir haben viel Zeit für uns selbst, die einzelnen Orte zu erkunden und das sogar mit ausreichend Zeit und ohne Gehetze.

Schon auf der Hinfahrt sehen wir eine ganz neue Seite von Marokko: grün, soweit das Auge reicht. Felder, Hügel, Olivenhaine – fast wie in der Toskana, nur mit deutlich mehr Eselskarren. Da es dieses Jahr endlich etwas mehr Regen gab, gibt’s sogar Blumenfelder, was hier so selten ist, dass auch die Einheimischen begeistert auf Fotosafari gehen. Landwirtschaft wird hier noch betrieben, als hätte es die industrielle Revolution nie gegeben: ohne Maschinen, ohne Hightech – maximal mit einem Holzgestell, das hinten vom Menschen geschoben und vorne vom Esel gezogen wird. Knochenarbeit. Kein Wunder also, dass hier oft die ganze Familie ran muss – inklusive Kinder, die eher Mistgabeln als Schulbücher in der Hand haben.

Volubilis – Auf den Spuren der Antike
Nach etwa 1,5 Stunden kurviger Fahrt erreichen wir unser erstes großes Highlight, Volubilis. Sie ist eine antike römische Stadt, die für ihre gut erhaltenen Ruinen und ihre historische Bedeutung bekannt ist. Wir bekommen ausreichend Zeit, um das archäologische Gelände mit Tempeln, Bädern, Villen und natürlich dem riesigen Triumphbogen zu erkunden. Besonders faszinierend finden wir die zum Teil super erhaltenen Mosaike und auch die Details der Steine und Bauweise sind erstaunlich. Für uns wirkt es oft so akkurat, dass man denken könnte, sie haben damals Maschinen statt Hände benutzt. Beeindruckt von der Größe dieser antiken Stadt schließen wir unseren Rundgang mit der Besichtigung des Forums ab, welches damals das Zentrum des sozialen und politischen Lebens war.





Nach so viel Geschichte geht unsere Tour weiter in einen anderen, für Marokko sehr bedeutsamen, Ort. Wir machen uns auf den Weg von der Antike in die spirituelle Ecke.
Moulay Idriss – Heilige Stadt am Hang

Bevor wir in den Ort eintauchen, machen wir einen Stopp hoch oben auf dem Berg, um einen Blick über das malerische Dorf Moulay Idriss mit seinen vielen weißen Gebäuden zu bekommen. Dieser historische Ort, benannt nach Moulay Idriss I., dem Gründer des marokkanischen Reiches und einem hoch verehrten Heiligen, ist wichtig in der marokkanischen Kultur. Hier wurde der Islam nach Marokko gebracht. Zuvor gab es lediglich den jüdischen Glauben, der dann nicht mehr akzeptiert wurde. Als wir den Ortskern erreichen, werden wir von einem lokalen Führer begrüßt, der uns durch die engen, gewundenen Gassen des Dorfes bis zu einer Terrasse mit einem wundervollen Ausblick führt. Die Architektur von Moulay Idriss ist typisch für die traditionelle marokkanische Bauweise, mit weißen Kalksteinhäusern, die entlang der Hänge des Hügels gebaut sind. Auch hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein, das Transportmittel Nummer eins ist weiterhin der Esel und wir lernen viel über die unterschiedliche Bau- und Wohnweise von Berbern und Arabern. Während sie früher strikt voneinander getrennt lebten, vermischt es sich heute etwas mehr. Jedoch kann man von außen schon allein an der Tür erkennen, ob hier Berber oder Araber wohnen.


Die Berber mögen’s offen – runde Tore ohne Türen, immer auf, immer belebt, gern mit 20 Personen in zwei Zimmern. Die Araber dagegen: Türen zu, fein verziert, Privatsphäre großgeschrieben, höchstens drei Leute im Haus. Für uns ist der Besuch dieses Ortes faszinierend und lehrreich zugleich und hilft uns, die Geschichte und Kultur Marokkos etwas besser zu verstehen und ganz nebenbei eine schöne, grüne Landschaft zu bewundern.

Meknes – Königliche Baustelle

Letzter Halt für heute: Meknes. Historische Königsstadt, aktuell allerdings im „Baustellen-Modus“. Überall Gerüste, Zäune, Staub. Glanz sieht anders aus. Dadurch, dass wir uns kurz vorm Ende des Ramadan befinden, ist die Medina umso lebhafter. Es wird gedrängelt, geschubst, gefeilscht. Vor allem um Markenware, die so echt ist wie ein Rolexstand auf dem Flohmarkt. Nike, Gucci, Adidas – alles im Angebot, alles „100 % original“, direkt aus dem Plastiksack.



Nach gut einer halben Stunde auf den lebhaften und lauten Basaren sind wir fix und fertig. Bei Melina ist sogar der Punkt erreicht, dass sie keine Lust mehr auf diese vollen Souks hat, die wir in letzter Zeit häufiger mit ähnlichen Eindrücken wahrgenommen und verlassen haben. Wir beschließen, die Gassen etwas abseits zu erkunden und finden hier wirklich schöne verzierte Holzfassaden und kunstvolle Handwerksläden. Ansonsten ist aber wie in vielen anderen Städten zu Ramadan Zeiten vieles geschlossen. Doch wir können uns von zwei netten Damen immerhin eine marokkanische Pizza auf die Hand ergattern. Wir essen sie heimlich auf einem verlassenen Platz, denn während des Ramadan in der Öffentlichkeit zu essen, fühlt sich ein bisschen an wie Kaugummikauen im Unterricht.



Wir können uns gut vorstellen, dass Meknes in Zukunft viel vom Tourismus rund um ihre prächtigen Paläste, Gärten und anderen Sehenswürdigkeiten profitiert. Für uns war es heute lediglich ein kleiner Anriss dieser geschichtsträchtigen Stadt.



Polizeikontrolle – Theater am Straßenrand
Auf der Rückfahrt nach Fes gibt’s dann noch ein Gratis-Abenteuer: Polizeikontrolle. Unser Fahrer wird herausgewunken, die Beamten legen los: Gestikulieren, diskutieren, schimpfen – ein Schauspiel in mehreren Akten. Angebliches Vergehen: zu schnell gefahren. Beweise? Fehlanzeige. Kostenpunkt: 15 Euro. Sofort bar, versteht sich. Eine Quittung gibt es natürlich nicht.
Unser Fahrer ist außer sich, aber Diskussion bringt nichts. Wir stellen fest: Das trifft hier nicht nur Touristen, sondern auch Einheimische. Und es passiert gleich mehrfach, an verschiedenen Kontrollpunkten. Offenbar ein einträgliches Geschäft.

Am Ende übernimmt unsere Gruppe den Strafzettel, weil sonst ein ganzer Tageslohn unseres Fahrers draufgegangen wäre. Kleine Geste, große Wirkung: Tarik, unser Guide, ist überglücklich. Und wir haben das Gefühl, ein bisschen mehr über die Realität in Marokko gelernt zu haben – zwischen Ruinen, Eseln und „Echtleder-Gucci“.
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