Nach einer Woche Naturidylle soll es zurück ins volle Leben nach Fès gehen. Eigentlich ganz einfach: Mietwagen abgeben, Bus nehmen, in den Zug steigen. In der Realität: ein Abenteuer.
Die Mietwagenrückgabe klappt noch problemlos, aber dann stehen wir an der Haltestelle und sehen Busse im Minutentakt vorbeirauschen – keiner hält. Jeder vollgestopft.
Nach einer halben Stunde in der Sonne beschließen wir: Egal, in den nächsten springen wir rein. Drei Stationen später stehen wir schon wieder draußen. Und genau da entscheidet Melinas Darm, dass jetzt der perfekte Moment für einen Sonderauftritt ist. Timing ist alles – bei uns meistens falsch. Zum Glück gibt’s ein Shoppingcenter in Reichweite. Danach geht’s zu Fuß weiter.
Weil Fès gut 450 Kilometer entfernt liegt, setzen wir auf den Zug. Online gibt’s Rabatt, vor Ort nicht – also beißen wir in den sauren Apfel und zahlen über 50 Euro. Dafür bekommen wir ein 40 Grad heißes Abteil, eine kaputte Klimaanlage, versiegelte Fenster. Ideal, wenn man schon immer mal wissen wollte, wie sich ein Mensch im Dampfkochtopf anfühlt. Immer mehr Leute steigen zu, irgendwann ist selbst Atmen Luxus. Melinas Darm bleibt natürlich auch weiter aktiv. Aus den geplanten sechs Stunden werden gefühlt drei Tage.

Um 18:30 Uhr erreichen wir Fès. Abdelhak, der Bruder unseres Gastgebers, holt uns ab – mit einem Auto, das die besten Zeiten bereits hinter sich hat. Immer wieder bleibt das Fahrzeug stehen und muss neu gestartet werden. Aber immerhin: Wir kommen an. Riesige Wohnung, sauberes Bett – wir sind im Himmel. Zumindest für eine Nacht.
Von Palastträumen zur Realität
Am Morgen der Reality-Check: Das angeblich frisch renovierte Apartment, das wie ein Traum aus Platz und Licht klang, ist tatsächlich groß genug für eine Kleinfamilie samt Esel – aber alles ist abgerockt.



Wir rufen den Vermieter an. Der meint freundlich: Wir könnten ja gehen, wenn’s uns nicht passt. Großzügig. Doch statt aufs Dach umzuziehen, bleiben wir – wegen Abdelhak, dem Bruder des Vermieters.
Abdelhak ist einer dieser Menschen, die man sofort ins Herz schließt. Sobald etwas fehlt, steht er da. Mit einem Lächeln und einer Lösung. Nach zwei Tagen fühlen wir uns fast wie zuhause – trotz Bruchbude, improvisierter Küchenausrüstung und Eimern gegen Wassereinbruch.


Busse, die nicht fahren und Taxifahrer, die uns nicht verstehen
Das Apartment liegt weit draußen. Zur Medina sind es sieben Kilometer – theoretisch zehn Minuten mit dem Bus. Praktisch fährt hier ein Bus, so Gott will. Wir fragen im Hotel neben der Haltestelle nach dem Fahrplan. Doch selbst die Rezeptionistin hat keine Ahnung, wann die Busse vor der Tür fahren.
Taxis wären die Lösung. Aber unser Geiz bremst uns. Taxi ist bei uns Notfall – wie Zahnarzt oder Versicherung wechseln. Also laufen wir. Und laufen. Und schwitzen. Und laufen weiter. Die Hitze zwingt uns in die Knie und wir halten ein Taxi an und scheitern prompt an der Sprachbarriere. Unser Zielort existiert laut Fahrer einfach nicht. Nach einer Runde gegenseitigen Ratens und hilflosem Gestikulieren steigen wir wieder aus – und laufen.

Die Stadt ist eine der ältesten und bedeutendsten Städte des Landes und beherbergt auch die älteste Universität der Welt, al-Qarawiyyin. Ein Höhepunkt ist zweifellos die Altstadt, die als Fès el Bali bekannt ist und die wir uns heute erst einmal in Ruhe anschauen möchten. Doch kaum vor Ort angekommen, sind wir mittendrin. In diesem Labyrinth aus engen Gassen, Märkten und Handwerksbetrieben scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Die Souks sind hier heute lebendiger und hektischer als in Marrakesch. Man kann keine 10 Sekunden stehen bleiben, wird ständig angerempelt und es ist unfassbar laut. Nach 2 Stunden können wir nicht mehr, wir wollen nur noch hier raus. Doch das ist leichter gesagt als getan. Immer wieder geraten wir in einen Sog von Menschen und wieder rein ins Getümmel, in eine neue, schmale Gasse. Hier handgewebte Teppiche, dort duftende Gewürze und um die nächste Ecke kunstvolle Keramikwaren.



Es gibt hier wirklich viele, schöne, handgefertigte Waren, doch für heute reicht es uns. Nach weiteren 2 Stunden schaffen wir es endlich heraus, besorgen noch frisches Gemüse, Eier und Brot auf einem Markt und machen uns dann auf den Rückweg. Natürlich fährt wieder nirgends ein Bus und am Ende laufen wir die über 7 Kilometer wieder zu Fuß zurück. Statt eines entspannten Reinschnupperns haben wir heute bei 31 Grad rund 24 km zu Fuß bergauf, bergab zurückgelegt und unsere Nerven überstrapaziert. Nichts hat geklappt, wie gewünscht und wir wurden einfach nur erschlagen. Für uns der wohl anstrengendste Tag seitdem wir in Marokko sind.
Fatima, YouTube und die versteckte Kamera
Über Abdelhak lernen wir Fatima kennen. Sie lernt gerade Deutsch – mit klarer Mission: Altenpflegerin in Deutschland werden. Ihr Ehrgeiz ist beeindruckend. Wir treffen sie öfter, reden, lachen, üben.
Doch irgendwann fällt uns auf: Abdelhak filmt uns: „Für Schulungszwecke“, sagt er. Ob wir bald auf YouTube als „Deutsch lernen mit echten Touristen“ landen, bleibt offen. Wir finden es anfangs etwas unangenehm, arrangieren uns aber damit und hoffen, Fatima und anderen SchülerInnen helfen zu können.
Fès entdecken – zwischen Gassen, Gerüchen und Gerbern

Natürlich sehen wir auch die Klassiker: das blaue Tor, Moscheen, die verwinkelte Medina. Ein endloses Labyrinth, in dem es nur zwei Richtungen gibt: rein – und noch tiefer rein.



Wir schieben uns durch Menschenmassen, hören Rufe, riechen Gewürze, Katzen und Leder. Die berühmten Gerbereien riechen übrigens weniger nach Hölle, eher nach „würzig“. Ein Gerber erklärt uns den Prozess, zeigt uns Blätter und Steine, mit denen gegerbt wird. Spannend und erstaunlich erträglich.

Am schönsten ist die Koranschule Medersa Bou Inania: Mosaike, Stuck, Kalligrafie, so präzise, dass man sich fragt, ob der Architekt mit einem Lineal auf die Welt kam.




Eid Mubarak – eingeladen bei Oma

Dann kommt das Highlight: Abdelhak lädt uns zum Fest ein. Fastenbrechen mit Gebäck und Tee so weit das Auge reicht.
Ein paar Tage später lädt uns Fatima ein. Erst zögern wir – Melina ist erkältet. Doch Fatima überzeugt uns: „Oma freut sich.“ Wir kaufen Gebäck und Milch, fahren raus aus der Stadt – bis ein großes Tor aufgeht. Oma empfängt uns. Mit ihr die halbe Großfamilie.
Erst sind wir überfordert. Aber dann merken wir schnell: Hier zählt nur Herzlichkeit. Fatima übersetzt, wir sprechen mit Händen und Füßen. Es wird gekocht, gelacht, gegessen – und noch mehr gegessen. Wenn man denkt, man ist satt, geht das nächste Essen schon rum.
Am Abend sitzen wir mit vollen Bäuchen und glühenden Herzen im Hof, trinken den fünften Tee und wissen: Das hier ist keine touristische Begegnung. Das ist echtes Willkommen.
Abschied mit Hoffnung
Als wir uns verabschieden, wird es emotional. Aus Fremden wird innerhalb eines Tages fast Familie. Wir tauschen Fotos, Umarmungen, Versprechen: dass wir Fatima beim Lernen unterstützen, dass wir wiederkommen.
Und wir hoffen, dass ihr Traum wahr wird: nach Deutschland zu gehen, nicht um wegzulaufen, sondern um etwas aufzubauen. Mit einer Energie, die man selten erlebt.
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