Um etwas mehr Zeit zu haben und uns flexibler bewegen zu können, mieten wir uns wieder für eine Woche einen Mietwagen. Eigentlich wollten wir zehn Tage durch die Gegend düsen, bis in die Wüste – doch unsere Kreditkarte hatte andere Pläne. Mietpreis und Kaution werden gleichzeitig geblockt und unser Kreditrahmen sagt: „Eine Woche reicht auch.“
Von Marrakesch ins Gebirge – zwischen Schlagloch und Schneesturm
Der Weg ins Landesinnere beginnt spektakulär. Innerhalb weniger Stunden durchfahren wir vier Jahreszeiten und mindestens acht Klimazonen. Mal Nebelsuppe, mal Postkartenblick auf schneebedeckte Gipfel. Dazwischen: Geröllbrocken in Autogröße und Schlaglöcher, die als Badewanne durchgehen könnten.

Und dann sind da noch die Polizeikontrollen. Schon nach 50 Kilometern begrüßen uns vier davon. Wir haben das Gefühl, bald mit Vornamen begrüßt zu werden. Es läuft aber alles immer sehr entspannt ab und wir dürfen ohne Probleme weiterfahren.
Imlil – kalte Füße, warme Herzen
Imlil liegt malerisch im Hohen Atlas, eingerahmt von schroffen Bergen, grünen Terrassenfeldern und einer Wetter-App, die uns eiskalt erwischt. Minus drei Grad und wir stehen da wie die typischen Optimisten in T-Shirt und Hoodie. Einen Schneeanzug hätten wir im Handgepäck eh nicht mehr untergebracht.

Aber immerhin scheint heute die Sonne – und zwar so sehr, dass uns fast die Nasenspitzen verbrennen, während wir Tee und Gebäck auf der Dachterrasse genießen. Der Blick fällt direkt auf den Jebel Toubkal, Nordafrikas höchsten Berg. Ein echter „Wow“-Moment – bis wir das Zimmer betreten.


Dort ist es nämlich nicht nur kalt. Es ist arktisch. Unser Handy friert fast ein und das Wasser aus dem Hahn ist so frisch, dass einem direkt die Hände abfrieren. Willkommen im traditionellen Berberhaus! Lehmwände und zugige Fenster sorgen für ein authentisches Erlebnis – zumindest wenn man sich nach dem Flair eines Kühlschranks sehnt.
Beim Spaziergang durchs Dorf entdecken wir viele Traditionen: Kleidung, Schmuck, Essen – und leider auch die Spuren des verheerenden Erdbebens vom September 2023. Noch immer sind die Schäden deutlich sichtbar, und der Wiederaufbau läuft schleppend. Kein Wunder, wenn man alles mit Eseln oder per Hand hoch transportieren muss – unsere Anfahrt mit dem Kleinwagen war schon abenteuerlich genug.


Imlil ist ein friedlicher, kleiner Ort. Die Kinder winken neugierig, wollen nichts – außer wissen, was wir hier eigentlich machen. Wir genießen die Ruhe, die Aussicht und natürlich eine deftige Berber-Tajine. Nur nachts wird’s wieder bitterkalt.

Ait-Ben-Haddou – Hollywood auf Lehm gebaut
Nach unserem kleinen Abstecher südlich von Marrakesh fahren wir heute weiter ins Landesinnere. Mit 250 Kilometern nicht gerade eine kurze Strecke in Marokko, doch der Weg ist ja bekanntlich das Ziel und die Landschaften verändern sich ständig, sodass es keine eintönige Fahrt ist. Im Gegenteil, die Panoramastraße zwingt uns quasi dazu, ständig anzuhalten und ein paar Fotos zu schießen.

Wir erreichen Ait-Ben-Haddou am späten Nachmittag. Tagsüber ist der Ort überlaufen wie ein Schlussverkauf bei Ikea, aber wir haben vorgesorgt: Unterkunft außerhalb, Besuch am Abend – und siehe da, wir haben die historische Lehmfestung fast für uns allein.

Die Kasbahs schmiegen sich terrassenartig an den Hang, umgeben von einer alten Stadtmauer. Die Architektur wirkt wie aus einer anderen Zeit – wahrscheinlich, weil sie genau das ist. Und obendrein: Filmkulisse! Gladiator, Game of Thrones, Lawrence von Arabien – alle waren sie hier. Überall in den Kashbas hängen Ausdrucke von Filmszenen und man kann vor Ort herausfinden, wo genau die einzelnen Szenen gedreht wurden. Teilweise haben sie für die Filme auch unechte Stadttore gebaut, da die echten zu eng waren. Heute leben nur noch ganz wenige Menschen in dem befestigten Ort, doch ein Besuch ist wirklich sehr interessant.

Abends wartet ein köstliches Mahl: hausgemachter Couscous in unserer Pension, gemeinsam mit einer Patchworkfamilie aus Russland und der Ukraine. Neben spannenden Gesprächen über ihre aktuelle Lebenssituation erzählen sie uns, dass sie ihren Führerschein vergessen haben und nun das Land mit dem Taxi statt mit dem Mietwagen erkunden. Doch sie nehmen’s mit Humor und haben ohnehin nur wenige Tage Zeit. Nach der Völlerei und guten Gesprächen fallen wir erschöpft ins Bett.

Postapokalyptisch schön: Das „Hills Have Eyes“-Set
Am nächsten Morgen machen wir uns auf zur nächsten Kuriosität: Ein verlassenes Filmset mitten im Nirgendwo bei Ouarzazate – Tankstelle, Wüstenkulisse, perfekte Endzeitstimmung. Für 20 Dirham dürfen wir Fotos machen, rumlaufen und uns wie Statisten aus einem Horrorfilm fühlen. Dass The Hills Have Eyes II tatsächlich teilweise in Marokko gedreht wurde, wussten wir bis vor Kurzem auch nicht. Wieder was gelernt. Und: wieder ein absurdes Highlight.




Die Fint-Oase – grün inmitten des Staubs

Ein staubiger Abzweig, ein unscheinbares Schild, eine rumpelige Piste – und plötzlich tut sich vor uns ein Tal auf: die Fint-Oase. Palmen, Wasser, Lehmhäuser. Ein Ort wie aus einem Buch über verlorene Paradiese. Wären da nicht die aufdringlichen Wegweiser in Menschengestalt.


Ein Herr begleitet uns ungefragt, obwohl der Weg eindeutig ist – wir sehen ihn, er sieht uns, und doch will er ihn zeigen. Geld gegen Führung, das alte Spiel. Wir erklären freundlich, dass wir nichts dabeihaben – er hört’s nicht, will trotzdem. Am Ende drehen wir um und nehmen lieber den etwas ungemütlicheren Weg zurück. Hauptsache, keiner zeigt uns nochmal den Weg, den wir eh schon sehen.



Espresso Surprise mitten im Nirgendwo
Irgendwo auf dem Weg zwischen gar nichts und nirgendwo steht plötzlich ein Marokkaner mit Siebträgermaschine und breitem Grinsen. In der Hand: ein perfekt zubereiteter Kaffee, mit Aussicht auf karge Hügel, Wind und Weite. Wer hier nicht innehält, ist selbst schuld. Es ist der beste Kaffee seit Tagen – oder vielleicht einfach nur der überraschendste.

Nachdem wir der Kasbah Amridil noch einen Besuch abstatten, geht es für uns weiter in den Fels. Genauer gesagt: in die beiden Schluchten, die sich durch das Atlas-Gestein gefräst haben – Todgha und Dades. Zwei Täler, die Marokkos innere Schönheit zeigen: schroff, leise, eindrucksvoll.


Todgha-Schlucht
Hier wird die Landschaft endgültig dramatisch. Die Felsen schießen plötzlich steil in den Himmel, als wollten sie sich gegenseitig übertrumpfen. Die Straße zwängt sich durch ein enges Flusstal, umrandet von rotbraunen, teils senkrechten Felswänden, die so hoch sind, dass unser Auto darunter aussieht wie ein Spielzeugauto.



Die Schlucht ist zurecht ein Highlight: kristallklares Wasser schlängelt sich durch den engen Spalt, Kletterer hängen an den Wänden und zwischen den Touristen und Souvenirverkäufern wirken Esel und Einheimische wie aus einer anderen Zeit. Wir laufen ein Stück in die Schlucht hinein und lassen uns vom Wechselspiel aus Licht, Schatten und Stein beeindrucken. Trotz der zunehmenden Besucherzahlen hat der Ort eine besondere Magie – vielleicht, weil man sich hier so klein fühlt zwischen all den Felsen.

Dades-Tal – Serpentinen und Felsfinger
Nach dem Todgha-Spektakel geht’s weiter Richtung Dades-Tal. Der Weg dahin ist bereits atemberaubend: Palmenoasen, Lehmhäuser, Schafe auf der Straße und Laster, die bei Gegenverkehr lieber beten als bremsen.

Die eigentliche Hauptrolle aber spielt die Dades-Schlucht – mit ihren berühmten Serpentinen und dem skurrilen „Monkey-Finger“-Felsen – eine Gesteinsformation.




Wir übernachten in der Nähe und sind noch immer so geflasht, dass wir am Nächsten Morgen noch einmal hier vorbei schauen, um das Ganze in einem anderen Licht zu sehen. Wirklich beeindruckt von all den verschiedenen Erlebnissen der letzten Tage fahren wir anschließend wieder langsam Richtung Marrakesch.


Kommentar verfassen