Chefchaouen: Die Blaue Stadt und die Kunst des Stillliegens

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3–4 Minuten

Chefchaouen, die berühmte „Blaue Perle des Rif-Gebirges“. Klingt nach verwinkelten Gassen, Minztee und Katzen in jedem zweiten Fenster – der perfekte Ort, um einfach mal das Tempo rauszunehmen. In der Vorstellung jedenfalls. In der Realität startet unser Aufenthalt erstmal mit 40 Grad Fieber. Bei mir. Komplett aus dem Nichts.

Kaum hat Melina ihre Erkältung halbwegs abgeschüttelt, entscheidet mein Immunsystem offenbar, dass es auch mal ins Rampenlicht möchte – und zwar sofort. Innerhalb weniger Stunden bin ich reif fürs Krankenlager. Zwei Tage liege ich reglos in unserem Riad und nehme weder Nahrung noch Kritik an.

Melina hingegen managt die Lage wie ein Profi: Tee organisieren, Mitleid dosieren und die Unterkunft verlängern, damit ich – falls ich irgendwann wieder auferstehe – wenigstens ein bisschen was von Chefchaouen sehe. Und tatsächlich: Am dritten Tag meldet sich das Leben zurück.

Blau, blauer, Chefchaouen

Ja, es stimmt: Die Stadt ist wirklich so blau, wie alle sagen. Vielleicht sogar noch blauer. Häuser, Treppen, Türen, Katzen – alles wirkt, als hätte jemand einfach keine Lust mehr auf Sandtöne gehabt. Angeblich wurde die Stadt in den 1930ern von jüdischen Flüchtlingen blau gestrichen, um den Himmel – und damit Gott – zu symbolisieren. Oder um Mücken zu vertreiben. Oder einfach, weil’s auf Instagram gut aussieht. Man weiß es nicht genau.

Was wir allerdings sicher sagen können: Chefchaouen ist tagsüber voll. Sehr voll. Ganze Karawanen an Tagestouristen ziehen durch die Gassen, jeder bewaffnet mit Kamera und wahlweise Sonnenhut oder Selfiestick. Früh morgens und abends dagegen wird die Stadt ruhig, entspannt, einfach schön. Das Einzige, was in dieser Idylle nicht nachlässt, ist das Angebot, Haschisch zu kaufen. Ich werde fast im Minutentakt gefragt. Offenbar gelte ich als wandelnde Zielgruppe.

Fotospots mit Preisschild

In manchen Gassen merkt man inzwischen deutlich, dass Chefchaouen nicht nur blau, sondern auch businessorientiert ist. Ganze Ecken werden aufgehübscht, abgetrennt und mit Schildern versehen: Fotos hier nur gegen Gebühr. Eine bemalte Treppe, ein hübsches Tor – und schon steht jemand daneben, der Dirham kassiert. Man könnte es Abzocke nennen. Oder konsequentes Marketing.

Orientierungslauf durch Steigungen und Bauzonen

Chefchaouen liegt am Hang, und das spüren wir sofort. Die Wege führen hoch, runter, im Zickzack – perfekt für Menschen, die gerade erst wieder gelernt haben, länger als fünf Minuten am Stück zu stehen. Unsere Unterkunft liegt mittendrin, ideal für spontane Rückzüge aufs Krankenlager.

Das einzige Problem: Direkt vor unserer Tür wird gebaut. Und zwar so richtig. Presslufthammer, Bagger, Arbeiter, die wild gestikulieren und schreien. Manche Gassen sind gesperrt, der Weg unklar, GPS überfordert. Der Weg nach Hause verwandelt sich regelmäßig in eine Mischung aus Schnitzeljagd und Improvisationstheater. Mehrmals kämpfen wir uns durch Hinterhöfe und Gassen – und landen am Ende doch irgendwie wieder vor unserem Riad.

Hoch zur Bouzafer-Moschee

An einem Abend, an dem mein Körper wieder halbwegs kooperiert, laufen wir hinauf zur Bouzafer-Moschee. Schritt für Schritt, mit kurzen Pausen, aber mit einem klaren Ziel: Aussicht. Auf dem Weg nach oben kaufen wir noch ein paar alkoholfreie Kaltgetränke. Endlich angekommen, liegt Chefchaouen unter uns, ein blaues Durcheinander aus Lichtern, Dächern und Stille. Um uns herum sitzen Menschen auf dem Rasen, essen, trinken, schauen in die Ferne. Dazwischen viele freundliche Hunde, entspannt, neugierig und auf der Lauer hier und da etwas abzugreifen. Gemeinsam genießen wir den Sonnenuntergang und lassen den Tag ausklingen.

Ein Abschied mit gutem Kaffee

Am Abreisetag dann noch ein Highlight: Ein Mini-Frühstücksladen – quasi nur ein Tresen mit zwei Hockern – lockt uns mit Kaffeeduft und frischem Brot. Alle Einheimischen holen hier ihr Frühstück, also beschließen wir, ihnen einfach zu vertrauen. Der Besitzer ist herzlich, das Essen unfassbar gut, und als wir gerade überlegen, wie wir uns am Effizientesten aus dem Laden rollen können, kommt noch ein Dessert aufs Haus. Ein großartiger Abschluss für unseren Aufenthalt in der blauen Stadt.


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