Tétouan. Für uns eine Stadt, die definitiv unterschätzt wird. Sie liegt im Norden Marokkos, nahe des Mittelmeers, mit Bergen im Rücken und einer Altstadt, die zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Spanische und arabische Einflüsse vermischen sich und es gibt eine tolle Medina mit weißen Fassaden, versteckten Gassen und ungewöhnlichen Begegnungen.
Ein besonderer Ort zum Schlafen und Frühstücken
Unsere Unterkunft liegt irgendwo tief im Gassengewirr – ein kleines Haus, so gut versteckt, dass man es vermutlich selbst dann nicht finden würde, wenn man schon einmal dort gewohnt hätte. Unser Gastgeber Marouane ist ein junger, freundlicher Mann, der uns herzlich begrüßt. Er lebt hier selbst, hat sich vor ein paar Jahren ein Airbnb aufgebaut und schläft da, wo gerade niemand anderes schläft, im Zweifelsfall auf dem Sofa im Gemeinschaftsraum.
Das Highlight des Hauses: eine Dachterrasse über zwei Etagen mit Blick über die Stadt, perfekt für Frühstück, Sonnenuntergänge oder philosophische Nachtsitzungen mit Tee.

Was wir nicht wussten: Bei Marouane gibt’s kein Frühstück auf Zuruf, sondern Familienfrühstück. Er wartet jeden Morgen, bis alle wach sind – und dann wird gemeinsam gegessen. Normalerweise sind wir absolute Frühaufsteher, aber hier schlafen wir wie Steine.
Das liegt nicht nur an den dicken Mauern oder der entspannten Stimmung – sondern auch an den Nachbarn. Jeden Abend, manchmal bis tief in die Nacht (oder früh in den Morgen), liefern sie sich lautstarke Wortgefechte, bei denen wir das Gefühl haben, halb Tétouan streitet mit. Türen knallen, Dinge fliegen und mindestens ein halbes Dutzend Stimmen mischt mit. Beim Frühstück ist das regelmäßig Gesprächsthema. „Ah, die zwei wieder?“ – „Ja, sie lieben sich… irgendwie.“ Offenbar sind sie stadtbekannt, können nicht mit und nicht ohne einander und sorgen zuverlässig für das akustische Abendprogramm.
So kommen wir also jeden Morgen erstaunlich spät aus dem Bett – und landen dann mit einer Australierin, einem Marokkaner und einem Saudi am liebevoll gedeckten Tisch. Und wie so oft werden wir am Anfang wieder für Geschwister gehalten. Wir fragen uns jedes Mal wieder, warum. Wegen den ovalen Gesichtern, den Brillen? Wir wissen es nicht, sind es aber mittlerweile schon gewohnt.
Positive Energien am Morgen
Eines Morgens driftet das Frühstück dann unerwartet in spirituelle Sphären ab. Alle berichten von positiven Energien, heilender Meditation und inneren Stimmen. Wir sitzen freundlich lächelnd daneben und freuen uns insgeheim, dass wir gerade den Mund voll haben – eine gute Ausrede, um schweigend zuzuhören. Als die Australierin schließlich erzählt, wie sich ein Dingo auf einer Wanderung in einen Menschen verwandelte, wissen wir: Jetzt ist der Moment gekommen, aufzubrechen.
Zwischen Gassen und Ständen
Die Medina von Tétouan ist entspannt, überschaubar und angenehm untouristisch. Perfekt für zielloses Schlendern, was wir ausführlich tun. Alle paar Meter gibt’s Essen, Snacks oder Süßkram. Und zwar in einer Intensität, die jedem Zahnarzt Albträume bescheren würde. Frittiertes mit Sirup und Sahne auf Sahne, daneben gezuckerter Sirup in Sirup mit Zuckerfüllung. Dazu 30 Grad im Schatten. Yummi.




Eine unerwartete Begegnung
Eines Abends wollen wir entspannt in einem kleinen Straßenimbiss essen. Gerade als wir aufs Essen warten, kommt ein Bettler, der sich nicht abwimmeln lässt. Er läuft um den Tisch, fuchtelt mit den Händen, kommt Melina unangenehm nah und sabbert auf ihren Rucksack. Ich bin komplett entspannt, sehe die Szene erst so richtig, als sie schon fast vorbei ist. Zum Glück eilt eine einheimische Dame zur Hilfe, gibt dem Mann noch ein paar Münzen und entschuldigt sich anschließend gefühlt hundert Mal bei uns.
Melina ist verständlicherweise leicht schockiert – weniger vom Bettler als von meinem passiven Beobachtungsmodus. Ich versuche mich irgendwie rauszureden, was aber nur so mittel klappt.
Bekannte Gesichter und tägliche Wege
In der Altstadt treffen wir irgendwann immer dieselben Menschen – in unserem Fall: einen besonders motivierten Apotheker. Bei jedem Vorbeigehen will er uns in seinen Kräuterladen locken. Irgendwann weichen wir ihm aktiv aus, machen sogar mehrere hundert Meter Umweg, nur um am Ende wieder genau vor seinem Eingang rauszukommen. Natürlich. Wir geben auf, schauen in seine Apotheke rein, kaufen aber nichts und haben endlich unsere Ruhe.



Tétouan ist für uns eine bunte Mischung aus gemütlichen Dachterrassen, lebendigem Nachbarschaftsleben und gemeinsamen Frühstücken mit tollem Austausch. In den spannenden Gassen entdecken wir jeden Tag etwas Neues. Wir fühlen uns hier wohl und genießen die Zeit und die vielen Begegnungen sehr.
Nach ein paar Tagen reisen wir mit dem Bus weiter. Wir müssen zwar etwas länger warten als gedacht, aber das gehört irgendwie dazu. Und schon nach einer guten halben Stunde erreichen wir unser nächstes Ziel.
Martil – Auszeit mit Meeresbrise
Martil empfängt uns mit etwas durchwachsenem Wetter, sodass die Badesachen erstmal im Rucksack bleiben müssen.
Unsere Unterkunft ist ein Apartment in zweiter Reihe zur Promenade. Perfekt für einen echten „Chilltag“ auf dem Sofa – mit Netflix und ganz ohne schlechtes Gewissen. Denn mal ehrlich: Man nimmt sich viel zu selten bewusst Zeit, einfach mal nichts zu tun. Uns fällt das auch nicht leicht, aber genau deshalb ist es so gut, es einfach mal durchzuziehen. Kein Programm, kein Sightseeing-Stress – nur wir, Serien und Tee.
Die nächsten Tage verbringen wir ganz entspannt mit Spaziergängen am fast menschenleeren Strand. Viele Läden haben noch zu – offenbar bereitet sich die Stadt auf die Hauptsaison vor, wenn hier sicher die Massen strömen. Unser Fokus liegt aufs Chillen, Kochen und natürlich auf den lokalen Märkten.





Auf einem dieser Märkte bekomme ich eine unerwartete Show geboten: Ein Verkäufer hält mir ein Huhn hin, fragt, ob ich noch Fotos machen will und ehe wir uns versehen, spritzt das Blut aus der Kehle. Authentischer geht’s kaum, aber das hätten wir uns ehrlich gesagt gerne erspart. Andererseits gehört es halt auch zum alltäglichen Leben hier dazu.
Nachmittags gibt’s frische Früchte und Minztee auf dem Balkon, danach wieder Sofa und Entspannung. Uns gefällt es hier so gut, dass wir gerne länger bleiben würden. Leider ist die Unterkunft ausgebucht und wir haben keine Lust, für nur zwei Nächte umzuziehen. Also heißt es: Auf nach Norden – das nächste Abenteuer wartet!



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