Marokko: Tanger und Asilah – zwischen Europa und Atlantik

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8–12 Minuten

Wir erreichen Tanger, die legendäre Hafenstadt im Norden Marokkos, von der aus es nur einen Katzensprung bis nach Europa ist. Wir checken bei Hind in ihre kleine, bescheidene Wohnung ein und werden direkt mit einer leckeren Tajine und vielen tollen Gesprächen begrüßt. 

Nach einem fantastischen Frühstück am nächsten Morgen geht es für uns in die Altstadt von Tanger, auch die alte Medina genannt. Hier vermischen sich die Kulturen und wir empfinden die Stadt als viel westlicher, europäischer und moderner als diejenigen, die wir bislang besucht haben. Es sind viele europäische Touristen unterwegs, was wenig überrascht, denn durch die direkte Fährverbindung nach Spanien kann man hier fast schon für einen Tagesausflug die Kontinente wechseln.

Wir erkunden die Gassen und laufen bis zur Kasbah hoch, eine alte Festungsanlage, die über Tanger thront. Von hier haben wir einen super Ausblick auf den Hafen und am Horizont können wir sogar das spanische Festland sehen. Wir denken darüber nach, wie nah und doch so fern Europa hier für viele Marokkaner ist, denn eine Einreise ist deutlich schwieriger als gedacht. In den letzten Wochen haben wir sehr viele Menschen kennengelernt, die alle einen Deutschkurs besuchen, weil dies für sie der einfachste Weg ist, nach Europa zu kommen. 90% von ihnen sind in der Pflege und in Krankenhäusern tätig und möchten für die Ausbildung oder zum Arbeiten nach Deutschland kommen. Wir sind beeindruckt, mit welchem Engagement sie lernen und gleichzeitig überrascht, welche Wörter dabei auf dem Stundenplan stehen. Manche davon sind selbst für uns als Muttersprachler eher unbekannt oder längst aus der Mode. Auch Hind und ihre Freundin lernen deutsch, sodass wir in den nächsten Tagen versuchen, das ein oder andere an sie zu vermitteln. 

Das europäische Festland am Horizont ist zum Greifen nahe…

Natürlich gibt es in der Altstadt auch wieder die Souks mit frischem Obst und Gemüse, exotischen Gewürzen und bunten Farben. Wir empfinden die Gassen hier allerdings als recht geordnet und weniger verwinkelt, sodass eine Orientierung leicht fällt. Im Herzen der Medina, umgeben von historischen Gebäuden und Cafés, befindet sich der Grand Socco, ein belebter Platz. Die Cafés hier sind sowohl mit Einheimischen als auch mit Touristen gut gefüllt, weshalb wir uns dafür entscheiden, einen anderen Ort für eine Pause zu suchen.

Wir entdecken das Tingis Café, welches historisch und vintage aussieht. Tatsächlich existiert es seit über 70 Jahren und bei einem Kaffee und Kakao lässt sich das geschäftige Treiben in den Straßen gut beobachten. Es ist wirklich viel los und überall können wir beobachten, wie Händler versuchen, ihre Waren an die Leute zu bringen oder dir Mal eben im Vorbeigehen die Schuhe zu putzen.

Wir sitzen eine ganze Weile und sind solange entspannt, bis der Kellner uns beim Bezahlen versucht, über den Tisch zu ziehen. Er verlangt fast das Doppelte und gibt uns irgendein Rückgeld. Wir weisen ihn auf die ausgehängten Preise hin. Er gibt etwas mehr zurück, aber immer noch zu wenig. Aus Prinzip bleiben wir hartnäckig, bis wir unser vollständiges Rückgeld bekommen. Später lesen wir mehrere Rezensionen mit genau derselben Geschichte.

Am Abend gönnen wir uns dann noch ein leckeres, syrisches Abendessen und kehren nach schlappen 20 gelaufenen Kilometern zu unserem Appartment zurück.

Ausflug zum Kap Spartel

Wenn wir schon in der Nähe sind, wollen wir natürlich auch einen Abstecher zum Kap Spartel machen. Dies ist eine Landspitze an der nordwestlichen Küste von Marokko. Wir fahren mit dem Bus bis zur Herkulesgrotte, die wir eigentlich auch besichtigen möchten. Zum Glück lesen wir vorher aktuelle Rezensionen, die fast alle davon abraten. Aus einem beeindruckenden Höhlenkomplex ist offenbar eine teure Mini-Attraktion geworden: sechs Euro Eintritt für ein Loch mit Meerblick und drei Minuten Aufenthalt.

Wir entscheiden uns dagegen und machen stattdessen eine Wanderung zum Leuchtturm am Kap Spartel. In der prallen Sonne geht es immer wieder hoch und runter, dafür mit großartiger Aussicht auf Meer und Landschaft. Taxiangebote lehnen wir konsequent ab. Die letzten Meter führen über einen angelegten Pfad direkt an der Küste entlang mit Blick auf den Atlantik und die Straße von Gibraltar.

Leicht erschöpft erreichen wir unser Tagesziel – den Leuchtturm. Hier angekommen kann man sich entscheiden, ob man gegen eine Eintrittsgebühr das Museum und die Gärten ansehen möchte oder einfach nur die Aussicht genießt. Wir machen letzteres bevor es für uns wieder die gesamte Küstenstraße entlang zurück geht. Auf dem Hinweg hatten wir uns schon eine kleine Location ausgeguckt, die einfach überall, wo es möglich ist, Plastikstühle und Schirme direkt auf den Klippen positioniert hat. Ganz einfach, aber irgendwie total nett. Hier stoppen wir auf dem Rückweg und stillen unsere durstigen Kehlen mit einer Limo direkt am Meer. Und das Ganze zu einem grandiosen Preis von 1,00 € pro Getränk. So schön kann es sein. 

Anschließend laufen wir die letzten 5 Kilometer zu einer vermeintlichen Bushaltestelle. Bislang haben wir uns immer aus dem Auto oder Bus über die Leute lustig gemacht, die Mitten im Nirgendwo herumstanden und gewartet haben. Jetzt sind wir diejenigen, die hier auf einem kleinen Stein sitzen, ohne Schatten, umgeben von Sand und hoffen, dass irgendwann ein Bus kommt und uns zurück nach Tanger bringt. Nach gut einer halben Stunde Wartezeit kommt dann tatsächlich einer und wir kommen am späten Nachmittag zurück zur Wohnung. Da heute Freitag und somit in Marokko Couscous Tag ist, beenden wir den heutigen Tag mit einer großen Schale Hühnchen Couscous, die Hind bei einer älteren Dame für uns nachhause bestellt hat. Einfach köstlich. Zum Nachtisch haben wir noch ein paar Sahneschnittchen besorgt, die uns allerdings deutlich zu süß sind.

Ein Abschied, der in Erinnerung bleibt

Unser Abreisetag verläuft alles andere als geplant. Hind möchte uns noch ein paar besondere Plätze in Tanger zeigen, obwohl heute neue Gäste einchecken. Also richten wir gemeinsam das Zimmer her und bringen die Bude in Schwung. Als wir alles fertig haben, fahren uns Hind und ihr Kumpel Omar durch den irren Verkehr von Tanger zu tollen Aussichtspunkten. Danach offenbart sie uns, dass sie uns zu unserer neuen Unterkunft fahren will, die 40 Kilometer entfernt liegt. Wir verneinen, doch sie besteht darauf und meint, wir sammeln noch eine Freundin ein und sie verbringen dann einen Tag am Strand von unserem neuen Stopp. Wir wissen überhaupt nicht wie wir reagieren sollen, es ist uns mittlerweile schon total unangenehm, was Hind alles für uns macht. Wir haben immer das Gefühl, dass wir etwas mehr zurückgeben müssen, aber alles wird geblockt. Nicht ganz einfach für uns, das so hinzunehmen. Dabei hat uns Flo vor fast 2 Jahren, als wir ihn und Bianca in Kroatien getroffen haben schon gesagt, dass wir lernen werden müssen, Dinge einfach einmal anzunehmen, ohne Gegenleistung. Doch es fällt uns nach wie vor schwer, obwohl seine Worte in diesen Situationen immer wieder in unseren Ohren klingen.

Es wird noch komplizierter, als sich plötzlich die neuen Gäste melden während wir schon unterwegs sind, dass sie jetzt an der Unterkunft stehen. Hind ist stinksauer, da sie bereits vor 1,5 Stunden kommen wollten und sich danach nicht mehr gemeldet haben. Es hilft nichts, wir drehen um und lassen die Gäste rein.

Erst am späten Nachmittag geht es für uns alle endlich Richtung Asilah. Und natürlich lernt auch Hinds Freundin gerade Deutsch, sodass die Autofahrt mit einem kleinen Deutschkurs verbunden wird.

Wir hatten ein paar intensive Tage voller Herzlichkeit und Großzügigkeit. Und wir lernen langsam, Dinge auch einfach mal anzunehmen. Wir hoffen, die Mädels und Jungs irgendwann in Deutschland oder Marokko wieder zu sehen. 

Asilah, ein kreativer Ort zum Durchatmen

Auf Empfehlung von Fatima, die wir in Fes kennengelernt haben, besuchen wir den Küstenort Asilah im Norden von Marokko. Gefühlt sind wir hier so gut wie die einzigen ausländischen Touristen, die mehr als 2 Stunden in der Stadt verbringen. Im Sommer soll der Ort voll einheimischer Urlauber sein, aktuell ist es ruhig und entspannt. 

Wie überall gibt es auch hier eine Medina, die allerdings deutlich kleiner, leerer und gemütlicher ist als in den größeren Städten. Außerdem ist sie von einer ziemlich intakten Festungsmauer umgeben und alles wirkt so clean und ruhig. Dass die Kunst in Asilah eine große Rolle spielt, sehen wir an den vielen Wandverzierungen und den kleinen Shops, die Handgemachtes verkaufen. Man kann hier neben den typischen Touristen Souvenirs auch noch wirklich tolle selbstgemachte Kunst bekommen. Dazu gibt es noch jede Menge kleine Galerien. Gleich hinter den Mauern der Medina befindet sich das Meer und ein paar kleine Strandabschnitte, von wo aus wir wunderschöne Sonnenuntergänge ansehen. 

Da es sich hier allerdings um kleine Stadtstrände handelt und im Wasser ziemlich viele Felsen sind, entscheiden wir uns für einen anderen Strand – Paradise Beach. Um diesen zu erreichen laufen wir gut 1,5 Stunden durch die Natur, geprägt von vielen Blumen und Feldern, auf denen die Arbeiter mit Holzpflug, Pferd und Esel arbeiten. Weniger schön ist, dass mir die Augen wie verrückt jucken und die Nase läuft – willkommen zurück liebe Pollenallergie. Seit wir auf Reisen sind habe ich nicht mehr damit zu kämpfen gehabt und jetzt, wo ich die Tabletten zuhause gelassen habe, erwischt es mich wieder. Typisch. Da wir bereits mehr als die Hälfte des Weges gelaufen sind, entscheiden wir, weiter zu gehen und werden mit atemberaubenden Ausblicken und einem schönen, leeren Strand belohnt. Leider gibt es allerdings auch kein bisschen Schatten und keine Stände mit Essen oder Getränken, sodass wir nicht ganz so lange wie geplant verweilen. Immerhin schaffen wir es aber doch noch während unseres Marokko Aufenthaltes im türkisblauen Wasser zu baden, auch wenn dies unfassbar kalt ist.

Die kommenden Tage schlendern wir immer Mal wieder durch die verwinkelten Gassen, deren Häuser hauptsächlich blau und weiß sind und uns dadurch eher an Griechenland oder die marokkanische Stadt Chefchaouen erinnern. Uns gefällt besonders, dass man hier so gut wie gar nicht von irgendwelchen Händlern angesprochen wird, im Gegenteil, wenn wir an etwas interessiert sind, müssen wir schon zwei bis dreimal auf uns aufmerksam machen. Eine Ausnahme bildet eine kleine Straße außerhalb der Medina, die voll von Pavillons ist, bei denen man angeblich den besten Fisch des Ortes bekommt. Alle 2 Meter haben wir gefühlt eine Speisekarte und einen eher aufdringlichen Restaurantmitarbeiter vor der Nase. Das erinnert uns an Mallorca oder andere Touristenpromenaden, wo mit allen Mitteln versucht wird, dich in ein entsprechendes Restaurant zu lotsen. Bei uns bewirkt das immer das Gegenteil und wir sehen zu, dass wir wieder in die Seitengassen kommen. Hier finden wir einen netten kleinen Laden, bei dem wir uns niederlassen. Auch wenn wir nicht die Fischesser sind, müssen wir hier an der Küste natürlich einiges ausprobieren und bestellen einen gemischten Fischteller. Je länger wir reisen, desto mehr Gerichte mögen wir offensichtlich, denn der Fisch schmeckt uns wirklich gut. 

In den folgenden Tagen kochen wir wieder selbst und kaufen regelmäßig auf dem lokalen Markt ein. Auch nach fast zwei Monaten in Marokko sind wir begeistert von der Qualität und den günstigen Preisen für Obst und Gemüse. Nebenbei planen wir unsere weitere Route und erledigen ein bisschen Papierkram, was auch auf Reisen leider unvermeidlich bleibt.

Asilah ist für uns eine durchweg positive Überraschung. Ruhig, kreativ und entspannt. Wir sind sehr froh, dass Fatima uns diesen Ort empfohlen hat. 

Nach über zwei Monaten verlassen wir Marokko und damit den afrikanischen Kontinent. Was bleibt, ist dieses Gefühl, dass es einfach richtig geil hier war: die Menschen, das Essen, die Landschaften, die Möglichkeiten und all die Facetten dieses Landes.


One response to “Marokko: Tanger und Asilah – zwischen Europa und Atlantik”

  1. Avatar von
    Anonym

    Danke für deine Reise in eine andere Welt.
    VG Holger

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