Marokko: Demokratische Preise, chaotische Zustände – Mein Crashkurs in Marrakesch

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4–5 Minuten

Unsere Anreise erfolgt wieder mit dem Bus. Doch dieses Mal gleicht dieser keiner Müllhalde auf Rädern, sondern ist erstaunlich passabel. Ich bin fast ein bisschen enttäuscht. Wo ist der kaputte Sitz, das Kind mit der Tüte Chips auf der Sitzbank hinter mir? Alles rollt problemlos und wir erreichen unser nächstes Ziel: Marrakesch.

Unser Riad – Einfach, aber herzlich

Wir beziehen unser kleines Riad. Kein Instagram-Traum mit Innenhof, plätscherndem Brunnen und Rosenblättern im Waschbecken. Sondern eine einfache Unterkunft bei einer Familie, die kein Wort Englisch spricht – und uns trotzdem mit offenen Armen empfängt. Herzlichkeit funktioniert eben auch ohne Google Translate. Trotzdem brauchen wir die Hilfe der App in den nächsten Tagen, auch, um einen etwas tieferen Einblick in das Leben hier zu bekommen. Höchste Zeit, sich ins Getümmel zu stürzen.

Marrakesch: Zwischen Roller-Roulette und Demokratischen Preisen

Erstes Gefühl? Reizüberflutung mit Verkehrsanarchie. Ich verbringe mehr Zeit damit, Rollern auszuweichen, als mit Fotografieren. Wenn man sich dann doch mal traut, die Kamera zu zücken, muss man hoffen, nicht den Falschen zu erwischen. Denn hier wird nicht diskutiert – hier wird gleich auf die Zwölf gezielt. Mein Tipp: Street Photography nur mit Helm und Rücktrittsrecht.

Wirklich schlimm für uns: der berühmte Platz Djemaa el Fna. Klingt nach 1001 Nacht, ist aber eher „Zirkus des schlechten Geschmacks“. Affen an Ketten, in Kostüme gezwängt, tanzen für Selfies. Die Szene: ein Mix aus Tierquälerei, Touristenabzocke und RTL2-Doku in Echtzeit. Warum dieser Ort immer noch als kulturelles Highlight gefeiert wird, ist mir ein Rätsel. Wer hier Fotos macht und dafür zahlt, unterstützt das System. Wir gehen kopfschüttelnd weiter und sind schockiert, wie viele Touristen hier freudestrahlend verweilen und für viel Geld Urlaubsfotos schießen.

Von oben wirkt der Platz fast friedlich.

Und das Essen auf dem Djemaa el Fna? Das teuerste und fadeste Mahl unserer gesamten Marokko-Reise. Wenn dir also jemand sagt: „Du MUSST da unbedingt was essen!“, nicke höflich – und geh weiter.

Apropos Abzocke: Wir sollen 39 Dirham Wechselgeld bekommen. Zunächst gibt es 20. Nach Protest dann 22. Erst nach einem kleinen Mathe-Crashkurs auf dem Taschenrechner trudeln die restlichen 17 ein. Auf den Märkten hier scheint Rechnen eine freiwillige Disziplin zu sein – mit starker Tendenz zur kreativen Interpretation. Besonders beliebt dabei: der Spruch „Demokratische Preis!“ – was offenbar bedeutet, dass jeder zahlt, was er gerade so dumm genug ist zu geben.

Wo wir gerade beim Thema Geld sind: Es ist in Marrakesch erstaunlich schwierig, an Bargeld zu kommen. Viele Automaten sind leer oder spucken nur dann etwas aus, wenn der Vollmond günstig steht. Vor den wenigen funktionierenden bilden sich lange Schlangen, als gäbe es Couscous gratis. Und wenn man endlich dran ist, gibt es oft nur Kleckerbeträge. Dabei ist Bargeld bitter nötig – Kartenzahlung funktioniert hier ungefähr so gut wie WLAN im Fahrstuhl.

Dann der Klassiker: Eine „kostenlose“ Gebäckstange. Ich gutgläubiger Idiot nehme sie. Zack, sollen wir das Zehnfache des üblichen Preises zahlen. Als wir nur den normalen Betrag anbieten, wird das angebissene Ding kommentarlos zurück auf den Servierteller gelegt. Guten Appetit, nächster Tourist!

Es geht auch anders: Das Handwerkerviertel

Zwischen all dem Chaos gibt es aber auch Ecken, die bei uns nicht sofort den Fluchtinstinkt auslösen. Zum Beispiel das Handwerkerviertel. Hier ist es lauter vom Hämmern als vom Hupen, und wir bekommen einen Einblick in echtes, traditionelles Handwerk – und zwar ohne das Gefühl, dass dir gleich jemand eine Schlange um den Hals hängt oder dir etwas verkaufen möchte. Wir finden es faszinierend, wie konzentriert hier gearbeitet wird. Es riecht nach Holz, Leder und ehrlicher Arbeit – ganz ohne Show.

In den nächsten Tagen ist es brutal heiß und überall brechend voll. Wir fliehen mit dem Bus in einen anderen Stadtteil – in der Hoffnung auf ein bisschen Luft und weniger Huperei. Der Bus ist ein rollender Backofen mit beschlagenen Scheiben. Ein Fahrgast wischt alle zwei Minuten ein Sichtfenster frei. Während der Fahrt, versteht sich. Marrakesch-Style eben. Wer bremst, verliert – oder sieht nichts.

Zwischen fragwürdiger Hygiene und Sandkaffee

Beim Thema Hygiene wird’s für uns so manches Mal sagen wir – kreativ. Vieles wird mit bloßen Händen angefasst – egal ob Nüsse, Pommes oder frisches Brot und egal, was Sekunden zuvor mit diesen Händen gemacht wurde. Letzteres liegt oft ungeschützt auf dem Boden oder wird in offenen Kofferräumen transportiert – rustikal, könnte man sagen.

In einem kleinen versteckten Café auf einer Dachterrasse trinken wir Kaffee, der im heißen Sand zubereitet wird. Das kennen wir sonst nur aus der Türkei. Von hier oben haben wir einen guten Überblick und genießen ein wenig Ruhe bevor es für uns weiter durch die Altstadt geht.

Beim Durchstreifen der Gassen stolpern wir anschließend nicht nur über lose Steine, sondern auch über die Realität: Spuren des schweren Erdbebens von 2023 sind noch immer sichtbar. Häuser ohne Wände, Risse in den Mauern, halbe Fassaden. Und dann dazwischen ein Bild, das sich ins Hirn brennt: eine völlig zerstörte Hausfront – aber die Waschmaschine steht noch da als würde sie trotzig sagen: „Ich wasch hier weiter, egal was passiert.“ Bedrückend. Erschreckend. Und ein stiller Reminder, dass Marrakesch mehr ist als ein chaotisches Touristenabenteuer – es ist auch eine Stadt mit offenen Wunden.

Nach all dem Großstadt-Trubel zieht es uns weiter – raus aufs Land. Weniger Verkehr, weniger Gebäckfallen, hoffentlich auch weniger Tourismus und mehr Authentizität.

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One response to “Marokko: Demokratische Preise, chaotische Zustände – Mein Crashkurs in Marrakesch”

  1. Avatar von Florian

    Hallo Dennis, ein sehr schöner Bericht über Marrakesh, habe mich sehr an meine eigene Reise erinnert gefühlt, die schon lange zurück liegt. Sehr eindrücklich beschrieben und fotografiert.
    Viele Grüße Florian

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